Zwischen Trump und Xi: Wohin expandiert der deutsche Mittelstand?
| Reinhard Schlieker | Lesezeit: 6 Min.
Trumps Zölle und Chinas Machtpolitik belasten den deutschen Außenhandel: Wie attraktiv sind Länder wie Indien für den Mittelstand?
von Reinhard Schlieker für Markt und Mittelstand
Der ehemalige Exportweltmeister Deutschland steht inmitten eines bedrohlichen Umbruchs. Es geht um eine Zeitenwende, deren Ausmaß und Folgen noch kaum zu überblicken sind. Und die nackten Zahlen zum deutschen Außenhandel des Statistischen Bundesamtes lassen noch keinen Trend zu einem souveränen Bewältigen der neuen Herausforderungen erkennen. So jedenfalls schätzen Wirtschaftsforscher etwa vom Institut der Deutschen Wirtschaft (IW) in Köln die Lage ein. Auch der Bundesverband des Groß- und Außenhandels (BGA) zeigt sich angesichts des vergangenen Jahres eher bedrückt. „Die Exportbilanz des Jahres 2025 macht die anhaltenden strukturellen Schwächen im deutschen Exportgeschäft unübersehbar“, sagt BGA-Präsident Dirk Jandura. Die Exporte stiegen voriges Jahr nur um ein Prozent. Besonders das Schrumpfen des Außenhandelsüberschusses sieht der Verband mit Sorge. „Mit einem Minus von 15 Prozent gegenüber dem Vorjahr verzeichnen wir den stärksten Rückgang außerhalb der Pandemiezeit – ein klares Warnsignal für die internationale Wettbewerbsfähigkeit unseres Standorts.“
Ähnlich äußert sich Jürgen Matthes, Leiter Wirtschaftspolitik beim IW Köln: „Im Jahr 2025 hat Deutschland schätzungsweise nur noch rund 93 Milliarden Euro an Waren und Dienstleistungen nach China exportiert – ein Rückgang von rund 29 Prozent gegenüber 2021.“ Wohl allen Beteiligten ist klar, dass angesichts dieser Trends neue Märkte in den aufstrebenden Schwellenländern erschlossen werden müssen. Der Weg dahin ist jedoch noch nicht klar erkennbar und schlägt sich in den Zahlen bislang kaum nieder. Stets genannt wird in diesem Zusammenhang Indien, wo deutsche Unternehmen seit Jahren durchaus aktiv sind, wie etwa Siemens, aber viele neue noch nicht so recht reüssieren konnten. Die Umstellung fordert Zeit, auch beim deutschen Mittelstand, der deutlich flexibler ist als die Großindustrie.
Die wichtigsten Partner des mit mehr als 2,8 Billionen Euro Volumen im Außenhandel weiterhin global bedeutenden Players Deutschland sind daher nach wie vor China (nun knapp an erster Stelle) und die Vereinigten Staaten. Beide Handelspartner gerieren sich zeitweilig aber auch wie entschlossene Gegner. Erkennbar an den stets unberechenbar bleibenden Zollmaßnahmen aus Washington, wo US-Präsident Donald Trump geopolitische Vorhaben und Vorlieben mit spontanen Strafzöllen zu fördern sucht. Ob es die Grönland-Thematik ist oder sein aktueller Streit mit dem Nachbarn Kanada – oft sind Handelshemmnisse gegenüber Drittstaaten die Mittel seiner Wahl. Diese Politik prägte das Gesamtjahr 2025, und einige international abschreckende Beispiele lehrten die deutsche Industrie das Fürchten. Etwa die plötzlich über die Schweiz hereingebrochenen Superzölle nach einer unglücklich verlaufenen Intervention des Bundesrats in Bern. Erst mühsame Nachverhandlungen konnten Trumps Strafpaket zumindest in Teilen verhindern.
Endgültige Bestimmungen für die EU-Länder sind noch nicht verlässlich etabliert. Ein Beispiel: Im Zuge des Streits mit Dänemark um die Arktisinsel Grönland, die Trump zu annektieren droht, wurden allgemeine Zölle von zehn, später 25 Prozent für acht EU-Länder angedroht, darunter Deutschland, die nicht das Wohlverhalten zeigten, das die US-Regierung offenbar erwartete. Beim Weltwirtschaftsforum in Davos wurde verkündet, es gebe eine Einigung zwischen Washington und den Europäern über den Umgang mit Grönland. Aber dieses Einvernehmen wirkt noch recht improvisiert. Die Zölle sind zunächst zurückgenommen. Für Exporteure ist das eine unsichere Situation. Das gilt besonders für den wichtigsten Ausfuhrzweig, die Autoindustrie samt ihren vielen Zulieferern, obwohl viele Teile auch in den USA gefertigt werden. Man sitzt mithin unter einem Damoklesschwert, und da ist bekanntlich weder ein entspanntes Dinner noch ein guter Business-Lunch denkbar. Denn auch die Produktion in Alabama, wie die von BMW, ist auf den Import von Vorprodukten angewiesen, die natürlich den entsprechenden Zöllen unterliegen. Das verteuert deutsche Autos in Amerika, ebenso wie diejenigen, die VW im benachbarten Mexiko herstellt. Andere Produzenten wie etwa die Stahlindustrie und Aluminiumhersteller sehen sich mit bis zu 50 Prozent hohen US-Zöllen konfrontiert.
Es wird teuer für die USA
Die deutschen Ausfuhren in die USA schrumpften von Januar bis September 2025 bereits um 7,8 Prozent. Am deutlichsten betroffen sind davon die Branchen Automobil (minus 14 Prozent) sowie der Maschinenbau und die Chemieindustrie. Das kostet Deutschland den Beratern von Oxford Economics zufolge 1,5 Prozent Wachstum. In den kommenden zwei Jahren prognostiziert das Institut bis zu 2,6 Prozent Einbuße. Gleichzeitig ermittelte das Kiel Institut für Weltwirtschaft, wer die US-Zollpolitik bezahlt: 96 Prozent der Kosten tragen die USA und ihre Einwohner selbst – mit allen Folgen wie Inflation und eingeschränktem Wirtschaftswachstum. Mit anderen Worten: Deutsche Unternehmen verlieren Exporterlöse und für die US-Importeure, oft auch für ihre Kunden, wird es teurer.
Zwischen der EU und China findet ein durchaus vergleichbarer Zollstreit statt, über den die deutsche Industrie nicht glücklich ist. Es geht im Wesentlichen um chinesische Elektroautos, die dort nach Meinung von Brüssel unfair subventioniert werden und für die deshalb in der EU hohe Einfuhrzölle gelten. Dies erschwert umgekehrt den Absatz deutscher Autos in China, was ein herber Rückschlag für die Deutschen und ihr Angebot besonders hochwertiger Modelle ist. Andere EU-Produzenten wie Frankreich oder Italien sind hier weit weniger betroffen. China verfügte gerade erst neue Zölle auf europäische Milchprodukte –
eine explizit mit EU-Subventionen begründete Retourkutsche.
Bereits 2025 verkauften die Deutschen weniger nach China Das solle doch positiv als Teil einer Strategie zu weniger Klumpenrisiko verstanden werden, appellieren Bundesregierung und EU-Kommission an das Prinzip Hoffnung. Denn der Wert der Ausfuhren schrumpfte um 13,5 Prozent, der der deutschen Einfuhren aus China stieg gleichzeitig – keine ermutigende Lage. Das IW sieht in der gegenläufigen Entwicklung von Importen und Exporten ein starkes Indiz für unfaire Handelspraktiken und pflichtet den EU-Handelspolitikern insoweit bei: Die chinesische Währung sei gegenüber dem Euro deutlich unterbewertet (Produkte also künstlich billig), zudem subventioniere China seine Wirtschaft stärker als jedes andere Land, erklärten die Ökonomen. Wie sich diese Erkenntnisse im realen Geschäft aber umsetzen und die Widerstände sich umgehen lassen, daran tüfteln die Strategen noch.
Kanada bietet sich an
Risiken senken, Absatzmärkte verbreitern und neue erschließen ist also das Gebot der Stunde. Das betrifft zunächst die Lieferketten. In der Solarwirtschaft ist die Abhängigkeit von China besonders groß, aber natürlich auch bei Grund- und Rohstoffen wie Seltene Erden. Jüngst machen intensive Gespräche zwischen EU und Kanada verhalten Schlagzeilen. Der nördliche Nachbar der USA verfügt über wichtige Rohstoffe. Er sucht die Zusammenarbeit mit den Europäern vor allem in der Rüstung, wo Deutschland über begehrte Expertise verfügt, etwa bei kanadischen Wünschen zur Lieferung und Wartung von U-Booten. Kanada orientiert sich gleichzeitig nach Asien, auch nach Korea und China, was es erneut in den Fokus einer wütenden US-Regierung bringt und die Zusammenarbeit mit Europa eher noch beschleunigen sollte.
Und auch deshalb fällt immer wieder der Name Indien: Gerade erst im Januar hat die EU den Abschluss eines Freihandelsabkommens mit dem Subkontinent angekündigt. Es soll Zölle abschaffen und die Zusammenarbeit bei Fertigung und Dienstleistungen fördern. Auch das kommt besonders Deutschland zugute. Der bilaterale Handel zwischen Deutschland und Indien überstieg bereits 2024 die Marke von 50 Milliarden Dollar, was mehr als 25 Prozent des indischen Handels mit der EU ausmacht. Für das bevölkerungsreichste Land der Welt steht Deutschland als großer Handelspartner an achter Stelle, umgekehrt ist Indien für die Deutschen nur die Nummer 23. Diesen Status zu verändern, haben sich zahlreiche Initiativen gebildet. Eine davon: Das „Make in India Mittelstand (MIIM)“-Programm, angeschoben von der indischen Botschaft in Berlin, unterstützt kleine und mittlere Unternehmen bei Markteintritt und Fertigung in Indien.
Bis Juni 2025 wurden 241 Firmen gefördert, mit Investitionen von rund 2,2 Milliarden Euro. Mehr als 30 davon sind Marktführer in Spezialtechnologien, wie die indische Vertretung berichtet. Das Programm zielt auf langfristige Fertigungspartnerschaften ab und wird als Erfolgsgeschichte gelobt, die den Mittelstand gleichzeitig vor Abhängigkeiten von China schützen soll. Darüber hinaus gibt es gemeinsame Vorhaben vor allem im Bereich Start-ups, Grüner Technologie, Künstlicher Intelligenz und sogar Verteidigungstechnologie. Der Verband des deutschen Maschinenbaus (VDMA) prognostiziert ein robustes Exportwachstum, vorausgesetzt, das Freihandelsabkommen wird umgesetzt und wirkt auch gegen die berüchtigte indische Bürokratie. Diesbezüglich haben allerdings Europa und Deutschland bekanntlich auch einiges zu bieten.
Um die geopolitischen Herausforderungen derzeit zu überwinden, verhandeln die Europäer auch mit Japan und Mexiko, und das im Europaparlament jüngst leicht ausgebremste Mercosur-Abkommen mit Südamerika soll ungeachtet mancher Widerstände schnellstmöglich in großen Teilen in Kraft treten. Auf absehbare Zeit wird China trotz allem als dominante Wirtschaftsmacht kaum zu ersetzen sein. Die Bestrebungen nach Diversifizierung tragen aber erste Früchte, so die EU-Kommission.
Für Deutschland ist es dafür auch höchste Zeit. Die Wirtschaft stagniert mehr oder weniger seit sechs Jahren, 2026 könnte endlich der Wendepunkt sein. Hohe Unsicherheit durch Geopolitik und Handelshemmnisse dämpft Investitionen, aber steigende Löhne und Fiskalimpulse stärken den Konsum. Die Arbeitslosenrate könnte noch um 0,6 bis 0,7 Prozentpunkte steigen, 1,3 Millionen Jobs gingen dann verloren. Dennoch: Die Exporterwartungen fallen zwar, aber Sentiment-Indizes, also die Hoffnungen und die Stimmung der Wirtschaftsgrößen, steigen bereits, wie Wirtschaftsforscher etwa des Münchener Ifo-Instituts ermittelt haben.
Auch innerhalb der EU und Deutschlands soll etwas passieren. Mehr Innovation, weniger Gängelung und Regulierung fordert der BGA. Schnellere Entscheidungswege sollen Deutschland im Idealfall voranbringen. Derzeit sind die Aussichten dafür wohl durchwachsen, ein Befreiungsschlag seitens Brüssel und Berlin wird in schöner Regelmäßigkeit angemahnt und bleibt ebenso regelmäßig aus. Könnte sein, dass so, wie die US-Zölle international den Unternehmergeist geweckt haben, auch die Findigkeit der deutschen Mittelständler am Ende durch den permanenten Hindernislauf gestärkt und belohnt wird.
Faktenbox: Deutscher Außenhandel unter Druck – Indien als Chance?
1. Außenhandel 2025 – Warnsignale
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Exportplus nur +1 %
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Außenhandelsüberschuss –15 % (stärkster Rückgang außerhalb der Pandemie)
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Exporte nach China seit 2021 –29 % (2025: ca. 93 Mrd. Euro)
2. USA: Zölle mit Bumerang-Effekt
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Deutsche Exporte in die USA (Jan–Sept 2025): –7,8 %
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Automobilbranche: –14 %
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Stahl & Aluminium: bis zu 50 % US-Zölle
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96 % der Zollkosten tragen laut Kiel Institut die USA selbst
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Wachstumsverlust für Deutschland laut Oxford Economics: bis zu 2,6 %
3. China: Handelskonflikt & Ungleichgewicht
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Deutsche Exporte nach China 2025: –13,5 %
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Gleichzeitig steigende Importe aus China
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Vorwurf: Unterbewertete Währung & starke Subventionen
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EU-Zölle auf chinesische E-Autos – Gegenmaßnahmen Pekings (z.B. Milchprodukte)
4. Diversifizierung als Strategie
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Gespräche mit Kanada (Rohstoffe, Rüstung)
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Neue Abkommen mit Japan, Mexiko, Mercosur-Staaten geplant
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Ziel: Lieferketten stabilisieren, Klumpenrisiken reduzieren
5. Indien im Fokus des Mittelstands
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EU kündigt Freihandelsabkommen mit Indien an
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Deutsch-indischer Handel 2024: über 50 Mrd. Dollar
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Deutschland für Indien: Handelspartner Nr. 8
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Indien für Deutschland: Rang 23
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„Make in India Mittelstand“-Programm:
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241 geförderte Unternehmen
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2,2 Mrd. Euro Investitionen
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Fokus auf Fertigung, KI, Green Tech, Verteidigung
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6. Wirtschaftlicher Ausblick Deutschland
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Seit sechs Jahren Stagnation
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Möglicher Wendepunkt 2026
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Bis zu 1,3 Mio. Jobs gefährdet
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Sentiment-Indizes steigen trotz geopolitischer Risiken
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