Mittwoch, 24.11.2021

picture alliance/dpa | Christian Charisius

Philipp Amthor: Der Politiker, der gerne austeilt, ist hinter den Kulissen nicht der Saubermann, als der er sich nach außen gibt.

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Philipp Amthor: Vom Macher zum Niedergemachten

Dieser Macher wird zum Niedergemachten. Die Karriere des CDU-Newcomers Philipp Amthor kennt derzeit nur eine Neigung: bergab. Ob Lobbyismus-Affäre, Foto mit einem Neonazi oder überhöhte Geschwindigkeit – der Mann, der Manuela Schwesig als Ministerpräsidentin ablösen sollte, kämpft ums politische Überleben.

Im 19. Deutschen Bundestag wurde Philipp Amthor noch als Shootingstar der CDU gehandelt. Gerade war der 1992 in Ueckermünde geborene Jurist ohne zweites Staatsexamen, der seit 2008 Mitglied der Merkel-Partei ist, ins hohe Haus eingezogen. Amthor galt vielen in der angeschlagenen Partei als das frische Gesicht, das es sogar mit der SPD-Ministerpräsidentin Manuela Schwesig aufnehmen könne und im Nordosten als Spitzenmann bei den Landtagswahlen 2021 die Chance hätte, als jüngster Ministerpräsident zu gewinnen. Auf der Karriereleiter hatte es Amthor innerhalb von zehn Jahren weit gebracht. Er war der zweitjüngste Abgeordnete des Bundestages und der jüngste, der jemals einen Wahlkreis gewann. Sich selbst verortet der Mann, der immer korrekt wie eine Mischung aus Buchhalter und Harry Potter gekleidet ist und die Marke "altklug" verkörpert wie kein zweiter, zum konservativen Flügel seiner Partei.

"Merkels Bubi" "Planierraupe aus Ueckermünde", "Harry Potter der CDU" und "Fipsi" nannten ihn damals die Medien. Gerade mit Blick auf die Alternative für Deutschland zeigte sich Amthor, seit 2016 selbst Mitinitiator des "Konservativen Kreises der CDU Mecklenburg-Vorpommern" scharfzüngig. Der Sohn einer gelernten Werkzeugmacherin rebellierte gegen Gender-Mainstreaming, Schwangerschaftsabbruch und die Einführung der gleichgeschlechtlichen Ehe. Damit galt er den Konservativen in der CDU als Alternative zum strikten Mitte-Kurs der Kanzlerin, die im Norden schon lange vor Amthors Geburt ihren Wahlkreis hatte.

Doch je länger der Aufsteiger, der sogar seinen Jagdschein im Wikipedia-Lebenslauf unterbringt, sich im politischen Geschäft tummelt, um so mehr Böcke schießt er. In den 20. Bundestag zog er im Superwahljahr 2021 nicht mehr durch das Direktmandat, sondern über die Landesliste der CDU Mecklenburg-Vorpommern ein. Erhielt er 2017 in seinem Wahlkreis noch 31,2 Prozent waren es 2021 nur noch 20,7 % und damit Platz 3. Schuld sind Negativ-Schlagzeilen, die Amthor mit seinen 29 Jahre produziert, wie ein Bäckermeistergeselle die Morgenbrötchen. Vom politischen Senkrechtstarter entwickelt sich Amthor zum Rohrkrepierer. Der Macher wird gerade zum Niedergemachten.

Das hat allerdings seine Gründe. Der Politiker, der gerne austeilt, ist hinter den Kulissen nicht der Saubermann, als der er sich nach außen gibt. So war es "Der Spiegel", der Amthors Lobbyarbeit für das US-amerikanische IT-Unternehmen Augustus Intelligence aufdeckte. Bereits Mitte 2018 hieß es in der inzwischen insolventen Firma, dass der "Politiker gut für uns sein werde." Damals hatte der Newcomer auf dem Briefpapier des Deutschen Bundestages an Bundeswirtschaftsminister Peter Altmeier eine Lobeshymne auf die Firma geschrieben und um politische Unterstützung gebeten. Amthor war nicht der einzige deutsche Politiker, der sich für Augustus Intelligence engagierte: Der ehemalige Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg saß zeitweise im Vorstand der New Yorker Firma. Was Amthor jedoch verschwieg war, dass er mehr als 2800 Aktienoptionen im Wert bis zu 250.000 Dollar des Unternehmens hielt und sich Treffen mit anderen Augustus-Vertretern nach New York City, Korsika und St. Moritz teuer bezahlen ließ. Obwohl Amthor diese Nebentätigkeit als "nicht-exekutive Funktion, mit der sich kein regelmäßiger Arbeitsaufwand verbindet", beschrieb, erklärte er später, dass die Zusammenarbeit ein Fehler gewesen sei. "Ich bin nicht käuflich." Aber er habe sich "politisch angreifbar gemacht und kann die Kritik nachvollziehen". Die Lobbyarbeit reichte allerdings weder Staatsanwaltschaft noch Bundestag dazu, überhaupt einen Rechtsverstoß festzustellen. Politisch war es dennoch unklug und Amthor zog seine Bewerbung für den CDU-Landesvorsitz in Mecklenburg-Vorpommern lieber zurück.

Hatte sich Amthor bei seinem Einsatz für Augustus Intelligence sein erstes blaues Auge geholt, kam in diesem Juli das zweite dazu. Beim Pferdefestival Stettiner Haff posierte der auf Öffentlichkeit bedachte langjährige Chef der Jungen Union Vorpommerns auf einem Foto mit zwei Männern. Der eine trug ein T-Shirt mit der Aufschrift "Solidarität mit Ursula Haverbeck" – einer bekennenden Holocaustleugnerin. Zwar entschuldigte sich Amthor für das Foto auf Instagram, doch ein fader Beigeschmack bleibt.

Und jetzt ist Amthor wieder etwas passiert. Er fuhr in einer Tempo-70-Zone 120 Stundenkilometer schnell. Dafür soll er seinen Führerschein für einen Monat abgeben und eine 450 Euro-Geldstrafe zahlen. Doch der CDU-Bundestagsabgeordnete akzeptiert das Bußgeld nicht und schickt einen Anwalt ins Rennen. Selbst betonte er: "Natürlich reklamiere ich dabei keine Sonderrechte auf zu schnelles Autofahren, aber es ist auch nicht unanständig, einen Bußgeldbescheid gerichtlich überprüfen zu lassen. Das steht jedermann zu. In jedem Fall gilt: Zu schnelles Fahren ist immer unnötig und sollte nicht relativiert werden."

Brisant an der Tempoüberschreitung ist, dass Amthors Anwalt nun behauptet, der Chef der CDU-Landesgruppe sei gar nicht gefahren. Gegenüber dem Amtsgericht Pasewalk erklärte er: "Der in der Hauptverhandlung persönlich anwesende Betroffene hat sich zur Sache durch seinen Verteidiger dahingehend eingelassen, dass er bestreite, zur Tatzeit Führer des Tatfahrzeuges gewesen zu sein." Während der ehemalige CDU-Aufsteiger die Richtigkeit des Messergebnisses in Zweifel zieht und in Frage stellt, ob er überhaupt gefahren sei, ist er allerdings auf den Aufnahmen der Blitzerkamera deutlich zu erkennen. Amthor, der sich als treuer katholischer Kirchgänger inszeniert, würde von eben dieser Kirche wahrscheinlich bescheinigt bekommen: "Der Philipp ist auch nur ein armer Sünder." In der Politik jedoch geht es ungnädiger zu: Dort folgt auf den steilen Aufstieg nun der freie Fall.

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