Donnerstag, 02.07.2020

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Die deutsche EU-Ratspräsidentschaft sei wichtig für Mittelständler, doch brauche es Zeit, bis die Erfolge bei den Unternehmen ankämen, sagt Waelzholz-Geschäftsführer Junius.

Zukunftsmärkte

„Ohne funktionierendes Europa kein erfolgreicher Mittelstand“

Am 1. Juli übernimmt Deutschland die EU-Ratspräsidentschaft. Was deutsche Mittelständler davon erwarten, erläutert Hans-Toni Junius, Geschäftsführer beim Stahlunternehmen Waelzholz, im Gespräch.

Die Fragen stellte Eva Nau

 

Inwiefern bestärkt die deutsche EU-Ratspräsidentschaft eine mittelstandsfreundliche Politik?

Die EU-Kommission hat in diesem Frühjahr – eher unbemerkt vom deutschen Mittelstand – eine KMU-Strategie vorgelegt. Die deutsche Ratspräsidentschaft sollte daraus zumindest zwei Punkte vorantreiben: belastende Bürokratie abbauen und einfachen Zugang zu Finanzmitteln schaffen. Ein echter Dienst am Mittelstand wäre die Öffnung der Grenzen. Dann könnten endlich wieder Geschäftsreisen stattfinden. Der EU-Binnenmarkt gehört zum Lebenselixier einer riesigen Mehrheit des deutschen Mittelstandes: Ohne ein funktionierendes Europa gibt es keinen erfolgreichen Mittelstand.

 

Was können Mittelständler, gerade kleinere Unternehmen, von der deutschen EU-Ratspräsidentschaft erwarten?

Die deutsche Ratspräsidentschaft kann Weichen stellen. Aber bis bei den Betrieben spürbar etwas ankommt, wird es dauern. Das gilt vor allem für finanzielle EU-Hilfsmaßnahmen gegen die Corona-Krise und für den Wiederhochlauf der europäischen Wirtschaft. Aktuell ist noch nicht einmal klar, wofür das Geld verwendet werden soll. Meine Erwartung ist daher, dass zügig der freie Warenverkehr mit offenen Grenzen gesichert, das A1-Formular bei Auslandsreisen abgeschafft und die Bürokratiebelastung für uns Unternehmer spürbar gesenkt werden. 

Hans-Toni Junius ist Vorsitzender der Geschäftsführung der C.D. Wälzholz GmbH & Co. KG sowie Vorsitzender des BDI/BDA-Mittelstandsausschusses.
Bildquelle: Hans-Toni Junius © Christian Kruppa

Was erwarten Sie von den Konjunkturplänen der EU zur Bewältigung der Corona-Krise?

Deutsche Unternehmen – und das sind börsennotierte Konzerne genauso wie mittelständische Familienunternehmen – sind Zugpferde im europäischen Binnenmarkt. In Sachen Wachstumsbelebung dürfen wir jedoch nicht nur auf die Politik warten. Wir können als Unternehmer die EU voranbringen, indem wir Lieferketten und Wertschöpfungsverbünde grenzüberschreitend wieder zum Laufen bringen. Wir müssen selbst etwas bewegen. Dann können wir die globalen Märkte bedienen, die eine EU-Außenwirtschaftspolitik auch für den deutschen Mittelstand zu öffnen versucht.

 

Kann die deutsche EU-Ratspräsidentschaft auch die Brexit-Verhandlungen in Schwung bringen?

Die Brexit-Verhandlungen sind im Moment politisch festgefahren. Wenn Deutschland im zweiten Halbjahr nun den Knoten durchschlägt, kann womöglich ein harter EU-Austritt Großbritanniens noch vermieden werden. Das erhöht die Planungssicherheit von Unternehmen, davon würden alle profitieren. Ich hoffe wirklich, dass sich London und Brüssel mit Hilfe von Berlin auf eine vernünftige Lösung einigen. Sollte der Brexit jedoch politisch scheitern, drohen wirtschaftlich über den Kanal hinweg neue Barrieren: jede Menge Papierkram, schwächelnde Märkte, weniger Jobs und ein neuer Dämpfer für Investitionen und Wachstum bei allen Beteiligten.