Freitag, 08.11.2019
Das gilt ab sofort: Am 9. November 1989 fiel die Mauer, ein Jahr später kam die Wiedervereinigung.

Foto: RolandBlunck/iStock/Getty Images

Das gilt ab sofort: Am 9. November 1989 fiel die Mauer, ein Jahr später kam die Wiedervereinigung.

Zukunftsmärkte
30 Jahre nach dem Mauerfall

Darum holt die ostdeutsche Wirtschaft so langsam auf

Auch 30 Jahre nach dem Mauerfall ist die ostdeutsche Wirtschaft noch immer schwächer als die westdeutsche. Das hat vor allem historische Gründe. Und die sorgen auch dafür, dass eines der größten Probleme im Osten besonders brisant ist: Der Fachkräftemangel.

Nachdem vor 30 Jahren die Mauer fiel und das Land ein Jahr später wiedervereinigt wurde, kommen Anfang der 90er-Jahre die Ost-Betriebe unter dem Hammer. Schnell wird deutlich, dass 40 Jahre Planwirtschaft tiefe Spuren hinterlassen haben: Der Maschinenpark in den allermeisten Betrieben ist hoffnungslos veraltet, die Profitabilität der Unternehmen unterirdisch, und weder die Qualität der Produkte noch die Innovationskraft entsprechen internationalem Niveau. 

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Die Anstalt zur treuhänderischen Verwaltung des Volkseigentums, die im Volksmund nur Treuhand genannt wird, soll die riesigen Industrie-Konglomerate der DDR entflechten, die Volkseigenen Betriebe privatisieren oder, wenn das nicht möglich ist, abwickeln. Insgesamt finden zwei Drittel der ehemaligen volkseigenen Betriebe einen Käufer. In vier von fünf Fällen kommt der neue Eigentümer (wie bei Theegarten-Pactec) aus Westdeutschland. Lediglich fünf Prozent der Unternehmen gehen an ostdeutsche Käufer. Nicht wenige gehen zudem in den folgenden Jahren in die Insolvenz, und an einem massiven Stellenabbau kommt kaum ein Unternehmen vorbei. Am Ende der Privatisierungen arbeiten statt 4 Millionen Menschen nur noch 1 Million in den ehemals volkseigenen Betrieben (VEB).

 

Gründe für die Schwierigkeiten

Reint Gropp vom Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung Halle

Foto: IWH

Reint Gropp vom Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung Halle

Dass es die Betriebe im Osten von Anfang an so schwer hatten, lag auch an der Umsetzung eines der Kernanliegen der friedlichen Revolution in der DDR: Löhne und Gehälter wurden zu einem Umtauschkurs von 1:1 von Ostmark auf D-Mark umgestellt. „Wenn man die Schwarzmarktwerte heranzieht, war das über Nacht eine Aufwertung ums Vier- bis Achtfache“, sagt Reint Gropp, Präsident des Leibniz-Instituts für Wirtschaftsforschung Halle (IWH). Ostdeutsche Unternehmen mussten also ihren Mitarbeitern auf einmal ein Vielfaches bezahlen, konnten aber die Preise nicht entsprechend anpassen. Schon damals war klar, dass das, ökonomisch gesehen, unsinnig war. „Aber politisch war es unumgänglich“, erklärt Gropp.

Das gelte genauso für die Kopplung von Subventionen an die Schaffung von Arbeitsplätzen. „Das hat dazu geführt, dass auch heute noch die Produktivität der ostdeutschen Unternehmen deutlich niedriger ist als die der westdeutschen“, sagt Gropp. Denn dort, wo mit Subventionen Arbeitsplätze geschaffen und gehalten werden, ist jeder einzelne Arbeitnehmer im Schnitt weniger produktiv. Besonders eindrücklich sind auch die Zahlen zum Bruttoinlandsprodukt pro Kopf. Das liegt nämlich in Ostdeutschland mit 32.108 Euro deutlich niedriger als in Westdeutschland, wo es bei gut 42.000 Euro liegt.

Fachkräftemangel besonders schlimm

Die massiven Subventionen dürften außerdem dazu geführt haben, dass gerade die Stellen im Osten erhalten wurden, für die man viele günstige Arbeitskräfte benötigte. F&E-Abteilungen hingegen wurden dichtgemacht, die Mitarbeiter gingen in den Westen.  Zwar haben sich diese Wanderungsbewegungen deutlich verlangsamt, doch dem Osten fehlen vor allem auf dem Land die qualifizierten Arbeitskräften. Der Fachkräftemangel ist hier noch einmal schlimmer als im Rest der Republik.

Dazu kommt: Auch aus dem Ausland findet der Zuzug nach Deutschland vor allem im Westen (und Berlin) statt. Während zwischen 2010 und 2015 rund 1,3 Millionen EU-Zuwanderer nach Westdeutschland zogen, kamen nach Ostdeutschland in der gleichen Zeit gerade einmal um die 170.000. Auch das hat laut Gropp historische Gründe: „Portugiesen oder Italiener siedeln sich im Zweifelsfall in den alten Bundesländern an, weil dort schon Landsleute leben, die ihnen bei der Eingewöhnung helfen“, erklärt der IWH-Chef. Hinzu kommt: Pegida und AfD werfen ein negatives Image auf den Wirtschaftsstandort Ostdeutschland. Vor allem gut ausgebildete Zuwanderer werden von negativen Schlagzeilen über Ausländerhass und rechtsradikale Ausschreitungen abgeschreckt.

Mehr über die Wirtschaft und den Mittelstand in Ostdeutschland 30 Jahre nach dem Mauerfall erfahren Sie in der November-Ausgabe von „Markt und Mittelstand“. Sie bekommen das Heft im gut sortierten Zeitschriftenhandel sowie unter diesem Link.