Dienstag, 24.03.2015
Fachkräfte werden knapp.

Bildquelle: Schoeller Werk

Brennt es bald in der Supply Chain? Fachkräfte werden knapp. Das Bild zeigt die Produktionslinie im Schoeller Werk.

Personal
Druck auf Gehälter dürfte steigen

In der Supply Chain droht Fachkräftemangel

Zu viele gehen in Rente, zu wenig Nachwuchs kommt nach. In der Supply Chain zeichnet sich in der Automobilindustrie weltweit bereits eine gravierende Knappheit an Fachkräften ab. In Deutschland leiden die ländlichen Regionen.

Weltweit steht in der Automobilindustrie sechs offenen Stellen in der Supply Chain nur noch ein Absolvent gegenüber. Diese Situation wird sich in den kommenden Jahren noch verstärken. „Für die Automobilindustrie ist die Talentkrise im Supply-Chain-Bereich ein Kartenhaus, das einzustürzen droht“, warnt Frank Vorrath, Vice President, Global Sector Head Automotive, DHL Global Forwarding. Hinzu kommt, dass viele Experten in den kommenden Jahren in Ruhestand gehen. Der Nachwuchs in den Schwellenländern ist aufgrund mangelnder Ausbildungsgänge ohnehin dünn gesät. Mit diesen Ergebnissen will die Studie „Solving the Talent Crisis: Five Alternatives every Supply Chain Executive must consider“ die Automobilindustrie alarmieren.

Der Fachkräftemangel in der Supply Chain stelle eine echte Bedrohung für die Zukunft der Automobilindustrie dar. Während die Automobilindustrie ihren Absatz zwischen 2015 und 2014 um 28 Prozent steigern will, könnte dies schlichtweg an der Knappheit qualifizierter Arbeitskräfte scheitern. Dabei drängen die europäischen Automobilhersteller zunehmend in die vielversprechenden Schwellenländer. In China werden hohe Absatzzahlen realisiert. China hat bei Daimler 2014 Deutschland als zweitgrößten Markt abgelöst. Dort wurde mit knapp 282.000 verkauften Einheiten ein Rekordwert erzielt. Gegenüber dem Vorjahr war dies ein Plus von 29,1 Prozent.

Uwe Peters, Einkaufsleiter im Schoeller Werk.

Uwe Peters, Einkaufsleiter im Schoeller Werk, entwickelt in Kooperation mit der HR-Abteilung die Qualifizierung im Einkauf.

Allein in den nächsten vier Jahren planen die OEMs den Bau von 62 neuen Produktionsstätten. Davon sollen 32 in China entstehen, gefolgt von Brasilien mit sieben und Thailand mit sechs neuen Produktionsstätten, wie die Studie „Umbruch in der Automobilzulieferindustrie: Standortoptimierung und Sourcing“  von Deloitte ergab.  „Wir wollen die Lokalisierung noch weiter vorantreiben“, sagte Klaus Zehender, Einkaufsleiter für Mercedes-Benz Cars, auf einem Pressegespräch in Stuttgart Ende 2014. Dazu braucht es jedoch qualifizierte Einkäufer vor Ort.

Auch in Deutschland zeichnet sich bereits ab, dass es zunehmend schwieriger wird, qualifizierte Einkäufer zu finden. Markt und Mittelstand befragte Einkäufer zu der Situation. 64,3 Prozent antworteten, dass sich ein Fachkräftemangel im Einkauf abzeichnet. Arbeitgeber außerhalb großer Städte wie München, Frankfurt oder Hamburg erleben dies schon heute.
Als Uwe Peters, Einkaufsleiter des Schoeller Werks, vor einem Jahr drei Einkäuferstellen ausgeschrieben hat, bekam er 30 Bewerbungen, fünf erfüllten das Profil, darunter zwei bis drei Wechselkandidaten.  Das mittelständische Unternehmen, das sich auf die Fertigung längsnahtgeschweißter Edelstahlrohre spezialisiert hat, liegt rund eine Autostunde entfernt von Köln und Bonn in der Eifel.

„Wir sind nicht bereit, für einen qualifizierten Einkäufer das Gehalt nur aufgrund der Knappheit hochzustufen“, sagt Peters. Schließlich müsse das Gefüge mit den übrigen Gehältern im Betrieb stimmen. Die Stellen sind bis heute nicht extern besetzt worden.

Das Unternehmen hat stattdessen seine Azubis eingebunden. Gemeinsam mit der HR-Abteilung entwickelte Peters ein Traineeprogramm, das zwei Azubis nach deren Ausbildung angeboten wurde. Die Weiterbildung umfasst einen nebenberuflichen Bachelor oder den staatlich anerkannten Betriebswirt sowie spezielle Weiterbildungsseminare. Ein  erfahrener Einkäufer steht ihnen als Mentor zu Seite.

Ähnlich handhabt es auch der Mittelständler Balluff. Das stark expandiere Unternehmen muss auch im Einkauf die Kapazitäten erweitern. Balluff legt sehr viel Wert auf Aus- und Fortbildung. „Der Einkauf wird geschätzt. „So können wir auch Kollegen aus anderen Bereichen für den Einkauf gewinnen“, sagt Einkaufsleiter Roland Höger. Ergänzt wird das Programm von einem Einarbeitungsplan, der Standard-Schulungen vorsieht sowie im Sinne der Netzwerkbildung ein Kennenlernen der Fachbereiche und Ansprechpartner als auch einen Paten beinhaltet. Außerdem bietet die globale Ausrichtung des Einkaufsnetzwerkes vielfältige Möglichkeiten auch im Ausland tätig zu sein. „Es ist erstaunlich, wie das motiviert“, sagt Höger.

In der Supply Chain in die Weiterbildung investieren

Roland Höger, Einkaufsleiter bei Balluff, fördert das Image des Einkaufs im eigenen Unternehmen.

Roland Höger, Einkaufsleiter bei Balluff, fördert das Image des Einkaufs im eigenen Unternehmen.

Eine deutliche Aufstockung von Weiterbildungsprogrammen sieht auch die DHL-Studie als entscheidenden Lösungsansatz für die Knappheit an Fachkräften in der Supply Chain. Unternehmen sollen enger mit Universitäten zusammenarbeiten und gemeinsam spezielle Weiterbildungsprogramme für die Automobilindustrie auflegen. Zudem sollten sie eigene Aus- und Weiterbildungsprogramme entwickeln.

Die Befragung von Markt und Mittelstand zeigte, dass es auch einen „Mismatch“ gibt. „Manchmal sind die Firmen nicht bereit, das richtige Gehalt zu zahlen oder es scheitert an profanen Dingen, wie zum Beispiel Firmenwagen“, sagt Frank Wacker, Einkaufsleiter bei Compair Drucklufttechnik. Ein Einkäufer meinte, dass der Fachkräftemangel von den Unternehmen selbst produziert werde, da die Anforderungen mittlerweile zu hoch gestellt würden.

Hinzu kommt, sagt ein weiterer Einkäufer, dass andere BWL-Fachbereiche bei den Absolventen bevorzugt würden; sicherlich auch bedingt dadurch, dass dort noch immer höhere Gehälter als im Einkauf bezahlt werden, wie beispielsweise im Vertrieb oder in der Finanzabteilung. Und schließlich steigen auch die Ansprüche, wie ein Befragter feststellt: „Junge Fachkräfte wollen was erleben und ins Ausland gehen – gepaart mit sehr hohen Gehältern. Diese Tendenz steigt.“