Mittwoch, 20.10.2021

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FDP: Schatzmeister Harald Christ ist eine zentrale Figur bei den Verhandlungen mit Grünen und SPD für eine Ampelkoalition.

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Harald Christ verhandelt in der Ampel-Koalition

Der FDP-Schatzmeister, der Millionen für seine Partei eingesammelt hat, ist eine zentrale Figur bei den Verhandlungen mit Grünen und SPD für eine Ampelkoalition. Das liegt daran, dass der Unternehmer und Self-Made-Millionär bis zum vergangenen Jahr noch selbst einer der führenden Köpfe bei den Sozialdemokraten gewesen ist.

Nichts. Kein Sterbenswort kommt ihm über die Lippen. Harald Christ, Schatzmeister der FDP und derzeit einer im Verhandlungsteam der Liberalen, der die Ampel-Koalition zusammenbauen könnte, hält sich ans Schweigegelübde, das die Verhandlungspartner vereinbart haben. Diesmal soll die mühsame Suche nach dem Kompromiss nicht dadurch noch mühsamer werden, dass einzelne ihre Sicht der Dinge frühzeitig bekanntgeben. Deswegen kommt von dem Schatzmeister nur: Schweigen. Was ungewöhnlich ist für den 49jährigen.

Denn Christ liebt das freie Wort, die schwungvolle Rede, die leidenschaftliche Diskussion. In Berlin lädt er regelmäßig zu seinen politischen Salons und knüpft damit nostalgisch an das an, was diese Stadt eins ausgemacht hat, bevor sie sich als Partymeile der Republik etablierte. Der beredsame Salonlöwe ist ein gestandener Manager mit Wirkungsnachweis bei Großkonzernen wie dem Versicherer Ergo, der Postbank und der inzwischen untergegangen WestLB. Als Unternehmer, der seine Kapitalanlagegesellschaft HCI vor 16 Jahren an die Börse gebracht hat und sich seither als finanziell unabhängig betrachten darf, gehen ihm solche Sätze über die Lippen: "Ich habe nie einen Euro in der Politik verdient und muss auch zukünftig nicht von einer Partei oder dem Steuerzahler bezahlt werden."

Der aus einer Wormser Arbeiterfamilie stammende Christ ist das, was Soziologen einen homo politicus nennen würden, jemand also, der ausgestattet ist mit einer Mischung aus ökonomischem Sachverstand und dem Gefühl für soziale Verantwortung, jemand, der sich fest in einer Gemeinschaft eingebettet am wohlsten fühlt. Politisch drückt sich das aus, in dem sich bei Christ zu Hause Politiker, Künstler, Manager und Journalisten die Hand geben. Im Wirtschaftsleben landet so jemand schnell im Vertrieb, wo es darum geht, Menschen von einem Produkt zu überzeugen – oder immerhin zu überreden. Der heutige Bundespräsident und ehemalige SPD-Kanzlerkandidat Frank-Walter Steinmeier war bereits auf den umtriebigen Unternehmer Christ aufmerksam geworden. Und weil der seit Jugendzeiten SPD-Mitglied war, als Landesschatzmeister in Hamburg und Berlin seinen Job und sich in Wirtschaftsfragen seinen Namen gemacht hatte, ernannte ihn Steinmeier zum Schattenminister für Wirtschaft. Ein desaströses Wahlergebnis Steinmeiers sorgte damals dafür, dass Christ aus dem Schatten nie heraustreten konnte. "Die SPD, in die ich eingetreten war, die gibt es nicht mehr", sagt Christ heute. "Das war die SPD eines Helmut Schmidt." Was das politisch bedeute? "Wir werden die Schwachen nicht stärken, indem wir die Starken schwächen", meint Christ, der für sich in Anspruch nimmt, stets zu den Rechten in der SPD gehört zu haben.

"Entscheidung revidiert"

Anfang vergangenen Jahres zog Christ die Reißleine und trat aus der SPD aus. "Entscheidung revidiert" lautet seine Beschreibung des Vorgangs, der von außen betrachtet ein Parteiwechsel war, weil Christ die Sozialdemokraten verließ, um bei den Liberalen ein neues Dach für seine politischen Überzeugungen zu finden. Dass am gleichen Tag 574 weitere Neumitglieder in die FDP eintraten, erfüllt ihn mit einer gewissen Genugtuung. Auslöser war der Linksschwenk seiner Partei unter ihren damals neugewählten Vorsitzenden Saskia Esken und Norbert Walter-Borjans, denen Christ beim Parteiwechsel das Attribut "verstrahlt" anheftete. Fein austariert war dagegen damals schon seine Einschätzung zum SPD-Weggefährten und Kanzlerkandidaten Olaf Scholz: "Scholz kann Kanzler. Er ist ein solider Mann." Weil Christ das, was er macht, anständig macht, hielten sich Animositäten bei Vertretern seiner politischen Ex-Heimat in Grenzen. "Die Freundschaften haben gehalten", stellt er heute fest. Auch wenn er kein Geheimnis darum macht, dass FDP und CDU von ihren Positionen her besser zusammengepasst hätten, als diejenigen, die sich jetzt zu einer Ampelkoalition zusammenfinden wollen.

Als Schatzmeister und Nachfolger des liberalen Urgesteins Hermann Otto Solms und als persönliche Wahl von Parteichef Christian Lindner rückte er automatisch ins Präsidium der FDP und sitzt jetzt als einer, der beide Seiten gut kennt, im zehnköpfigen Verhandlungsteam der Liberalen, das eine Koalition zustande bringen soll. Wäre Christ das erste Modell von zwei Herstellern, die künftig gemeinsame Sache machen wollen - man würde ihn "Prototyp" nennen. Sozialliberaler Prototyp sozusagen. "Das Soziale braucht den Markt und der Markt braucht das Soziale." Die Möglichkeit einer Koalition mit der SPD trägt er damit sozusagen in seiner DNA. Ein Amt in der Regierung? Nein, das strebe er nicht an, sagt Christ, der darauf Wert legt, eben kein Berufspolitiker zu sein. Schatzmeister genügt, und er erfüllt die Aufgabe vermutlich zur allgemeinen Zufriedenheit. Jedenfalls hat die FDP mit mehr als zehn Millionen Euro Spenden und einem Schatzmeister Harald Christ im Wahlkampf soviel Geld erhalten, wie noch nie zuvor in ihrer Geschichte.

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