Mittwoch, 10.02.2021

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Diverse Investoren sind an einem Einstieg als Minderheitsgesellschafter bei Birkenstock interessiert.

Zukunftsmärkte
Birkenstock

Gut zu Fuß

Internationaler Investoren liefern sich eine Bieterschlacht um einen eher ungewöhnlichen deutschen Mittelständler: Birkenstock. Was will der internationale Luxus mit den Latschen?

Es gab eine Zeit, da stand französischer Luxus aus dem Hause LVMH für sehr viel Glitzer und Glamour. Es musste glänzen, sprudeln und möglichst die Schönen und Reichen dieser Welt behängen. Also so ziemlich das genaue Gegenteil dessen, was den deutschen Mittelständler ausmacht. Doch seit dieser Woche ist das alles anders. Da sickerte durch, dass das Investmentvehikel L Catterton des französischen und weltgrößte Luxuskonzern LVMH am deutschen Latschenfabrikanten Birkenstock interessiert sein soll, zumindest an einem Einstieg als Minderheitsgesellschafter.

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Das ist aus zwei Gründen interessant: Dass die Treter für Luxusmarken überhaupt chic sind, sagt viel über unsere Zeit aus. Und LVMH ist nicht der einzige Bieter für das deutsche Traditionsunternehmen. Was aber macht die Sandalen so attraktiv auf dem internationalen Finanzparkett?

Auch wenn es in den vergangenen Jahren viel Familienzwist gab, die erst durch ein Auseinanderklamüsern der Sippe gelöst wurden: Noch ist die Sandalen-Instanz, 1744 gegründet, in Familienhand in Linz am Rhein. Und auch wenn viele der Modelle aus dem Hause Birkenstock so aussehen, als seien sie genau da gestaltet: sie finden reißenden Absatz. 23,8 Millionen Paare verkaufte das Unternehmen im Vorkrisenjahr. Im Krisenjahr selbst sollen es nicht wesentlich weniger gewesen sein. Die Marke hat so viel Kultpotenzial, dass Oliver Reichert, der erste familienfremde Geschäftsführer im Hause, die Aura der Marke seit einigen Jahren auch zu übertragen versucht: auf Kosmetik, Betten. Mode. Sowas.

Das Geschäft läuft so gut, dass Birkenstock munter expandiert. Corona hin, Krise her. So werden in Görlitz für acht Millionen Euro nicht nur zwei Produktionslinien modernisiert, sondern auch umliegende Gebäude in den Produktionsprozess einbezogen. Auch im benachbarten Bernstadt investiert die Firma: vier Millionen Euro in ein neues Zentrallabor zur Schadstoffüberprüfung der Rohstoffe. 1.500 Mitarbeiter beschäftigt Birkenstock in Görlitz, davon kommen zwei Drittel aus dem polnischen Niederschlesien. Aber, wie man im Unternehmen betont: trotz internationalem Wareneinkaufs fertige man komplett in Deutschland.

Der Glanz dieser Marke, an der vor allem Chef Oliver Reichert seit seiner Ankunft vom ehemaligen Sportfernsehen DSF gearbeitet hat, weckt nun internationales Interesse. Kombiniert mit der Erkenntnis, dass aus den Latschen, die derzeit pro Paar um die 60 Euro kosten (außer bei Amazon, da hat sich Reichert ausgelistet), noch einiges an Wertschöpfung zu holen ist. Birkenstock erwirtschaftete 2019 bei 722 Millionen Euro Umsatz 130 Millionen Euro Nettogewinn – 40 Prozent mehr als im Jahr zuvor.

Und so fährt neben L Catterton offenbar auch der Fond CVC, bei dem der ehemalige Goldman Sachs-Deutschlandstar Alexander Dibelius Mastermind ist, einiges an Wohlwollen und Geld auf, um die Firma zu übernehmen. CVC ist angeblich bereit, vier Milliarden Euro für Birkenstock auf den Tisch zu legen, bestätigt wird nichts. Verkaufen müssten die Brüder Alex und Christian Birkenstock. Passen jedenfalls würde Birkenstock: Zuletzt hatte CVC vor einigen Jahren etwa Douglas gekauft, das ebenfalls stark ins Premium-Lifestylesegment zielt. Auch die Schweizer Uhrenmarke Breitling gehört zum Investor.

Offiziell bestätigt ist nichts. Dennoch tauchen neben Fragen, warum die Marke auf einmal so glitzert, auch Bedenken auf. Eine Betriebsrätin fasst öffentlich die Stimmung unter den 3800 Mitarbeitenden so zusammen: "Hier laufen alle Amok." Noch im vergangenen Herbst hatte Reichert im Gespräch mit dem Handelsblatt gesagt: "Zukunft braucht Herkunft, aber ein Headquarter braucht kein Mensch." Damals war das auf die sinkende Bedeutung eines Bürogebäudes in Corona-Home-Office-Zeiten bezogen. Heute wirkt es ungewollt aktuell, weil ein aufgekauftes Unternehmen womöglich auch kein großes Hauptquartier mehr braucht.

Die Frage, die sich vor allem Mitarbeiter derzeit stellen: kann das passen? Die leicht ökohaft angehauchte Traditionsmarke aus jahrhundertelangem Familienbesitz in Kombination mit einem strategischen Investor? Es gibt zahlreiche Fälle im Konsumgütermarkt, bei denen so etwas schief ging. Viele fühlen sich an die Bionade-Story erinnert. Die Brause avancierte in den 00er-Jahren vom Bioladen-Stammgast zum Szenegetränk, wurde wie heute Birkenstock vor allem in hippen Großstadtkreisen Kult. Dann verkauften die Gründer, eine Familienbrauerei aus Franken, an Dr. Oetker. Seitdem verkauft die Marke zwar weiter Getränke, ist aber als Projektionsfläche eigentlich tot. Das Alternativimage passte nicht zur investorengetriebenen Konzernwelt.

Andererseits gibt es auch positive Beispiele, gerade auch bei LVMH. Die kauften vor einigen Jahren die Kölner Kofferfirma Rimowa. Damals ähnlich positioniert wie Birkenstock heute. LVMH stilisierte die Alukoffer seitdem zum Luxusobjekt und erhöhte ordentlich die Preise. Das Unternehmen ist heute pumperlgesund.

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