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Finanzierung > Auf der Suche nach Geld

In fünf Schritten zu mehr Liquidität

Kredite sind immer schwerer zu bekommen, der Bedarf aber riesig. Diese fünf Maßnahmen helfen Mittelständlern.

Gut gesichert: Banken sind mit Krediten nicht mehr so freigiebig wie in den vergangenen Jahren. Zudem sind die Zinsen gestiegen. Quelle: picture-alliance/ dpa | CTK Josef Horazny

Jahrelang war es für Mittelständler recht einfach, an Kredite zu kommen: Die Zinsen waren niedrig, der Bedarf überschaubar. Die Konkurrenz der Banken untereinander stieg, weil immer mehr in die Mittelstandsfinanzierung einstiegen. Doch seit 2022 ist alles anders. Durch den Überfall Russlands auf die Ukraine stiegen die Energiepreise. Das kostet, ebenso die höheren Gehälter wegen des Personalmangels und der Inflation. Viele müssen Lieferketten umstellen, und den Wandel zu mehr Nachhaltigkeit gibt es auch nicht zum Nulltarif. Und gerade jetzt bremsen die Banken. Da sind kreative Ideen gefragt, um an Geld zu kommen.

 

„Nach Einschätzung von Branchenkennern ist es für viele schwieriger geworden, an Kredite zu kommen. Schwieriger geworden bedeutet, es dauert oft länger, die Antwort auf einen Kreditantrag zu bekommen“, beobachtet Nadine Methner, Head of Business Banking bei ING Deutschland. „Und das ärgert natürlich die kleinen und mittleren Unternehmen, die schnell auf das reagieren wollen, was um sie herum passiert.“ Und mehr Geld brauchen.

 

Ende 2022 gaben 21 Prozent der mittelständischen Unternehmen an, dass sie sich mit frischem Kapital eindecken müssen.

 

Im Frühjahr 2021 waren es noch 19 Prozent und 2020 gar nur 15 Prozent, heißt es in einer Mittelstandsstudie der genossenschaftlichen Bankengruppe. In einer Umfrage des Münchener Ifo-Instituts berichtet jedes dritte Unternehmen, dass die Verhandlungen mit den Kredithäusern zäh bis negativ verlaufen. Im September sagte das nur jedes vierte Unternehmen. „Die Banken erhöhen nach und nach die Kreditzinsen und gehen zurückhaltender bei der Vergabe vor“, sagt Klaus Wohlrabe, Leiter der Ifo-Umfragen. Vor allem die Gastronomie klagt über höhere Kredithürden. Hier haben zwei von drei der befragten Betriebe von restriktiven Banken berichtet. In der Industrie lag der Wert bei 28 Prozent, im Einzelhandel bei 21 Prozent. Auffällig ist, dass die Firmengröße eine entscheidende Rolle spielt: Am stärksten betroffen sind die Kleinstunternehmen und Selbstständigen. Fast jeder zweite Dienstleister in diesem Segment berichtete von Problemen, an Kredite zu kommen. Erschwerend kommt hinzu, dass die Banken immer stärker die ESG-Kriterien bei der Kreditbewertung heranziehen – und die sind formal nicht leicht zu belegen. Für die deutsche Wirtschaft ist dieser Trend sehr bedeutsam: Einzelunternehmen und Kleinstunternehmen stellen mit rund 83 Prozent den größten Teil der Betriebe.

 

In erster Linie verlangten Mittelständler klassische Betriebsmittelkredite, also kurzfristige Finanzierungen für das laufende Geschäft mit Laufzeiten von bis zu einem und bis zu fünf Jahren, sagt Hauke Burkhardt, Leiter Unternehmensfinanzierung der Deutschen Bank. Neben den gestiegenen Kosten für Energie, Rohstoffe und Personal haben viele Unternehmen auch einen höheren Kapitalbedarf, weil sie sich mehr Lagerbestände leisten als noch vor einigen Jahren. So wollen sie sicherstellen, dass sie weiter produzieren können, wenn wieder eine Lieferkette reißen sollte. Allerdings ist diese Strategie teuer: „Hamstern frisst viel Cash“, warnt Jan Kümmel, Partner beim Berater EY Parthenon. ING-Managerin Nadine Methner sieht außerdem steigenden Bedarf bei Zukunftsinvestitionen: „Viele Unternehmen denken darüber nach, wie sie die Energiekrise für sich nutzen können – Stichwort grüne Transformation vorantreiben.“

 

Die Banken halten sich zurück, Kredite werden teurer, der Geldbedarf steigt: Was können Mittelständler tun?

Fünf Tipps für mehr Liquidität.

 

1. Analyse der Geldströme

Unternehmen können einiges tun im Rahmen eines ganzheitlichen Liquiditätsmanagements. Banker und Berater sind sich einig: Weil das oft unzureichend ist, werden hohe Beträge verschenkt. „Weltweit gehen 2,5 Billionen Dollar verloren, weil das Working Capital nicht optimiert wird“, betont EY-Partner Kümmel. Er hat beobachtet, dass bei einigen Mittelständlern sogar zehn Prozent des Umsatzes wegen des unzureichenden Finanzmanagements wegfallen. Der Berater rät, den Geldfluss der nächsten 13 Wochen im Blick zu behalten. Das vermeide böse Überraschungen und überraschende Liquiditätsengpässe. Bei der Analyse müssten alle Bereiche einbezogen werden – vom Einkauf über die Lagerhaltung und die Produktion bis hin zu Personal und Logistik. Das soll die Prozesse verbessern und teure Liquiditätsfallen entlarven.

 

2. Außenstände eintreiben

Oft stellen Mittelständler Rechnungen zu spät, und der Zahlungsverzug wird nicht konsequent verfolgt. Gerade bei teuren Anlagen gehen fällige An- und Zwischenzahlungen zu spät an den Hersteller. „So eilt die Produktion dem Geldfluss weit voraus, und der Hersteller wird zur Bank für die Kunden“, erläutert Kümmel. Oft mangele es auch an der Sorgfalt bei der Fakturierung. Dann geht die Rechnung an den falschen Adressaten oder sie ist unvollständig. Um schnell wieder Geld in die Kasse zu bekommen, gilt es, Außenstände einzutreiben. Zulauf haben Factoring-Gesellschaften, die offene Rechnungen übernehmen und den Geldfluss beschleunigen. Zudem übernehmen sie in Zeiten sinkender Zahlungsmoral das Inkassorisiko. „Wir haben eine deutlich höhere Nachfrage nach diesem Finanzierungsinstrument festgestellt“, bestätigt EY-Berater Kümmel. Allerdings müsse man für die Lösung mit einem Vorlauf von drei bis sechs Monaten rechnen. Und sie ist nicht billig.

 

3. Sparen

Viele Unternehmen haben die Niedrigzinsphase genutzt, um sich zusätzlich mit günstigen Krediten einzudecken. Doch das reicht angesichts der jüngsten Preissprünge in den wenigsten Fällen. Darum ist Sparen in den meisten Chefetagen das Gebot der Stunde. Nach einer Erhebung der Unternehmensberatung Deloitte versuchen derzeit 90 Prozent der Firmen in der Automobilbranche mit mehr Energieeffizienz und Einsparungen die Kassen zu entlasten. Drei Viertel der befragten Finanzchefs geben aber zu, dass sie die Potenziale der Digitalisierung noch nicht ausschöpfen. Besonders innovative Technologien, Datenmanagement und -analysen sowie neue Mitarbeiter- und Arbeitsplatzanforderungen fehlen. Das beobachtet auch EY-Experte Kümmel: „Vieles wird noch händisch erledigt, statt die Prozesse zu digitalisieren. Das so eingesparte Personal wäre dann sinnvoller in der Analyse und Optimierung der Geldflüsse einsetzbar.“ Die Praxis sehe aber immer noch anders aus: „Viele Unternehmen wissen nicht genau, wie viel Geld sie mit einzelnen Produkten bei den jeweiligen Kunden tatsächlich verdienen.“

 

4. Geld geschickt anlegen

Die Deutschen sind längst keine Aktienmuffel mehr. Doch bei den Unternehmen gibt es immer noch eine gehörige Angst vor dem Wertpapier. Viele horten ihr Geld auf dem Konto. „Die Urängste vor dem Wertpapier sind natürlich da. Das kann ich grundsätzlich auch verstehen. Aber Unternehmer müssen sich ja überlegen, wie man das sauer verdiente Geld schützt“, sagt Rolf Müller, Geschäftsführender Gesellschafter von Fintegra, einer Firma, die sich der Digitalisierung von Vermögensverwaltung verschrieben hat. Das Problem: „Aktuell ist es angesichts der Inflationsraten sehr schwierig, im konservativen Bereich reale Renditen zu erzielen“, sagt Michael Thaler, Vermögensberater mit Fokus Mittelstand. „Entsprechend ist die reine Liquiditätshaltung auf dem Konto viel zu hoch.“ Deshalb rät der Geschäftsführer von TOP Vermögen zu mehr Mut: „Wenn mittelständische Unternehmen in Einzelaktien investieren, wird das wie eine Beteiligung gesehen – dann wären Kursgewinne nahezu steuerfrei.“

 

5. Neue Wege gehen

Wer nicht zu lange auf die Kreditvergabe warten kann oder will, kann sich mit digitaler Kreditvergabe beschäftigen. Hier gibt der Unternehmer seine Eckdaten auf der Webseite der Bank ein, die solche Produkte anbietet. Bei der ING Deutschland geht der Rahmen von 10.000 bis 750.000 Euro. Innerhalb von 48 Stunden gebe es ein Kreditangebot, so das Versprechen Abgeschlossen wird per digitaler Authentifizierung, wie man sie aus dem privaten Banking kennt. Daten spielen eine besondere Rolle: „Oft schauen sich Banken nur die finanzielle Historie an. Das ist aber mitunter unfair, wenn sich Rahmenbedingungen so dramatisch ändern wie zuletzts“, so Methner von der ING. Über Konzepte wie Embedded Finance könne man solche Veränderungen berücksichtigen. „Wir kooperieren bei Onlinehändlern zum Beispiel mit Amazon und bekommen nach Zustimmung der Unternehmen Daten über deren Performance“, sagt Methner. So lässt sich ein Angebot fair und maßgeschneidert machen. <<
 

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