Dienstag, 23.07.2019

Foto: A. Ebbecke

Früherer Truppenstandort: Seit 2005 nutzt A. Ebbecke Verfahrenstechnik die ehemalige Nidder-Kaserne als Produktionsstandort.

Technologie
Vorteile und Nachteile

Gewerbeimmobilien: Ehemalige Kasernen als Produktionsstandort

Zwei Standorte von A. Ebbecke Verfahrenstechnik sind ehemalige Bundeswehr-Kasernen. Auf den Geländen befanden sich neben ehemaligen Bunkern und Lazaretten auch die Überreste von Raketenrampen. Doch am Ende überwogen für das Unternehmen die Vorteile.

Auf den ersten Blick unterschieden sich die beiden Produktionsstandorte der A. Ebbecke Verfahrenstechnik bei Schöneck und in Burbach kaum von anderen Gewerbeimmobilien. Erst auf den zweiten Blick fällt die Vielzahl von Einzelgebäuden auf. Es sind derer 18 im Werk Schöneck und sogar mehr als 30 in Burbach.

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Dort existiert sogar eine eigene Infrastruktur mit ganzen Wohngebäuden, große Hallen und einem eigenen Sportplatz. Bis 2005 wurde hier nicht nur gewohnt und Sport getrieben, sondern auch stramm gestanden. Der heutige Logistikstandort firmierte einst als Siegerlandkaserne. In Kilianstädten bei Schöneck, dem zweiten Standort des Unternehmens, befand sich die Nidder-Kaserne. Wo früher eine eigene Garnison stationiert war, stellen heute rund 100 Mitarbeiter Granulate für die Chemie- und Pharmaindustrie her.

Unter- und oberirdische Bunker

Foto: A. Ebbecke Verfahrenstechnik

Axel Ebbecke von A. Ebbecke Verfahrenstechnik

Seit Ende der 90er-Jahre hat die Bundeswehr mehrere 100 Standorte in Deutschland komplett still gelegt oder deutlich verkleinert. In vielen Städten waren davon gleich mehrere Standorte betroffen. In den meisten Fällen entstanden neue Wohngebiete. Axel Ebbecke, Gründer und Geschäftsführer von A. Ebbecke Verfahrenstechnik sah aber auch noch eine andere Chance. Für sein schnell wachsendes Unternehmen war er auf der Suche nach neuen Industrieflächen.

Der Unternehmer erwarb die beiden hessischen Standorte nach ihrer Stilllegung. Der aktive Oberstleutnant der Reserve beim Landeskommando Hessen wusste dabei von Anfang an, auf was er sich einlässt. „Ehemalige Militärstandorte haben oft Lazarette, Munitionsdepots oder es gibt noch unter- oder oberirdische Bunker“, erklärt der 47-Jährige. „Darüber hinaus kann es eine chemische und radioaktive Belastung des Bodens geben oder ölhaltige Abfälle haben das Erdreich verschmutzt.“

Folgenreich kann es vor allem dann werden, wenn auf einem ehemaligen Truppenstandort auch stationäre Waffensysteme installiert waren. „In Schöneck wurden die unterirdischen Raketenabschussrampen wie oftmals nur bis zu einer Tiefe von ein bis zwei Meter abgebrochen und dann mit Erdreich überdeckt“, erklärt Ebbecke. „Aber die Stahlbetonfundamente reichen teilweise zehn bis 15 Meter ins Erdreich hinein. Wenn das Gelände wieder überbaut werden soll, kann das zu einer verminderten Standsicherheit und Bodenbelastbarkeit führen.“

Vorteile überwogen

Auch an den beiden heutigen Unternehmensstandorten waren jahrzehntelang Flugabwehrraketen verschiedener Waffentypen stationiert. Für den Unternehmer überwogen aber die Vorteile. „Wir konnten die vorhandene Bausubstanz direkt nutzen und die Umbaukosten waren überschaubar, weil die noch vorhandenen ehemaligen Bunkeranlagen nicht entfernt werden mussten“, sagt er. „Die meisten Gebäude waren für die von uns vorgesehene Nutzung in ihrem Bestand gut geeignet.“ Nach Einschätzung des Geschäftsmanns befinden sich die meisten Bundeswehrstandorte in einem guten Zustand und wurden fortlaufend modernisiert. Die vorhandene Instandhaltung und Instandsetzung sei oftmals deutlich besser als bei älteren gewerblichen Objekten.

Einen weiteren Ausschlag gab der Kaufpreis. Das Unternehmen habe die Flächen und die Gebäude zu einem „überschaubaren Preis“ erhalten, sagt Ebbecke. Einen genauen Kaufpreis will er zwar nicht nennen, er sei aber wesentlich günstiger gewesen, als ein entsprechender Neubau im Rhein-Main-Gebiet. Als problematisch erweist sich aber immer wieder die Bewertung durch die Finanzbehörden. Aufgrund der Nichtveröffentlichung von Bauakten führen Wertschätzungen meist zu langwierigen Diskussionen.

Auch die Überschreibung verlief nicht ganz reibungslos. Für den Standort Schöneck musste im Nachhinein die Nutzung für einige Hallenbereiche aufgrund von Formfehlern durch die Behörden geändert werden. Für den Änderungsantrag war auch ein Brandschutzkonzept notwendig, der Extrakosten verursachte. Immerhin war der damalige Landrat von Schöneck kooperativ. In Burbach hingegen gab es ein Zuständigkeitsgerangel zwischen den Behörden. Bei der Frage wie die ehemalige Siegerlandkaserne umgenutzt werden kann, widersprachen sich die Gemeinde und der Landkreis. „Über mehrere Jahre hinweg war so ein aktives partnerschaftliches Miteinander schwierig“, meint Axel Ebbecke.

Dienstleistungstochter mit 20 Mitarbeitern

Um die beiden neuen Standorten zu verwalten, gründete der Granulatunternehmer ein eigenes Facility-Management-Unternehmen. Es versorgt nicht nur die eigenen Gewerbeimmobilien und die von anderen externen Partnern, sondern verwaltet auch die Erstaufnahmeeinrichtung der Bezirksregierung Arnsberg, die sich ebenfalls auf dem Gelände der ehemaligen Siegerlandkaserne befindet. Die Dienstleistungstochter beschäftigt 20 Mitarbeiter und entwickelt darüber hinaus auch ein neuartiges System zur Reinigung und Keimreduzierung von Spielsanden.

Ob Axel Ebbecke auch in Zukunft weitere Kasernen übernimmt, muss sich erst noch zeigen. „Militärische Liegenschaften zu erwerben, ist heute nicht mehr ganz so interessant, da in den vergangenen Jahren die Bundesanstalt für Immobilien die Preise für ehemalige Truppenstandorte deutlich erhöht hat“, sagt der Unternehmer. Aber bei einem attraktiven Paket aus Bestandsflächen, schneller Abwicklung und einem attraktiven Preis, schließt er eine weitere Übernahme nicht aus.

Info

Die Standorte

Werk Schöneck (ehemals Nidder-Kaserne)

  • Gesamtfläche: 142.000 Quadratmeter
  • Hallennutzfläche: 8.500 Quadratmeter
  • Anzahl Gebäude: 18
  • Anzahl Mitarbeiter: 100
  • Nutzung: industrielle Produktion
  • Verwaltung: Ebbecke Facility Services

Werk Burbach (ehemals Siegerlandkaserne)

  • Gesamtfläche: 150.000 Quadratmeter
  • Hallennutzfläche: 32.000 Quadratmeter
  • Anzahl Gebäude: mehr als 30
  • Mitarbeiter von Ebbecke: 10
  • Mitarbeiter anderer Unternehmen: ca. 400
  • Nutzung: Logistikstandort, Gewerbepark, Erstaufnahmeinrichtung für Geflüchtete, etc.
  • Verwaltung: Ebbecke Facility Services