Donnerstag, 01.09.2022
Zukunftsmärkte
Energiekrise

Betriebe finden keine Versorger mehr

Immer mehr Unternehmen schaffen es nicht, einen Energielieferanten zu finden. Es droht ein flächendeckender Stopp der Produktion, denn es gibt für Firmen keine Grundversorgung. Wer mit Firmen und Verbänden spricht, hört vor allem einen Lösungsvorschlag.

Betriebe finden keine Versorger mehr: neue Strukturen werden gefordert

Bild: Shutterstock

Die steigenden Energiepreise lassen nicht nur die Inflationsrate und Preise in den Supermärkten steigen, sie sorgen für immer greifbare Probleme in den Produktionshallen deutscher Unternehmen. „Falls die Preise so hoch bleiben, müssen Betriebe in deutschen Schlüsselindustrien die Produktion herunterfahren oder ganz schließen“, warnt Rainer Kirchdörfer, Vorstand der Stiftung Familienunternehmen und Politik. Zahlreiche Unternehmen haben akute Probleme, neue Energieverträge für Strom und Gas angeboten zu bekommen oder abschließen zu können. Einige mittelständische Maschinenbauer sehen sich damit unkalkulierbaren Risiken außerhalb ihres Kerngeschäfts ausgesetzt“, klagt Karl Haeusgen, Präsident des Verbands des Deutschen Maschinen- und Anlagenbaus (VDMA).

Sein VDMA-Kollege Matthias Zelinger ergänzt: „Wir hatten noch nie so viele Klagen, dass die Versorger keine Verträge mehr anbieten, oder die Versorger wehren entsprechende Anfragen mit völlig überzogenen Preisen ab.“, berichtet der Energieexperte. Dabei gehöre der Maschinenbau nicht einmal zu den energieintensivsten Branchen. Zelinger sieht hinter der Politik der Versorger eine Reaktion auf die jüngste Marktentwicklung: „Aus deren Sicht sind die Preisrisiken unkalkulierbar geworden. Darum scheuen sie sich neue Verträge einzugehen.“

Lösungsvorschlag Strompreisdeckel

Neben dem massiven Anstieg der Gaspreise habe der Ausfall von einer Vielzahl französischer Atomkraftwerke die Lage verschärft. Die Anlagen mussten wegen eines technischen Problems in eine ungeplante Revision gehen. Was noch am Netz ist, kann aufgrund der niedrigen Pegelstände der Flüsse nur mit halber Kraft arbeiten. Darum fordert sogar der Maschinenbau, der sonst nichts von Markteingriffen hält, die Politik zum Handeln auf. „In der jetzigen Krisensituation braucht es einen temporären Strompreisdeckel“, fordert der VDMA-Präsident.

„Der kann allerdings nur auf europäischer Ebene funktionieren, denn die Energiemärkte hängen zusammen“, ergänzt Energiemarktkenner Zelinger vom VDMA. Gelegenheit dazu wäre in der kommenden Woche, wenn sich die EU-Energieminister zu einem Not-Gipfel treffen. Der befristete Strompreisdeckel sollte nach Zelingers mit einer finanziellen Unterstützung für klamme Versorger einhergehen. Nur so könnten diese weiter liefern. In Österreich ist Wien Energie mit zwei Millionen Kunden in Schieflage geraten. Beim größten regionalen Versorger des Nachbarlandes klafft ein Finanzloch von sechs Milliarden Euro. Wie in Deutschland beim Energiekonzern Uniper muss nun die Regierung in Wien einspringen. Die Energieunternehmen gehen nach Angaben Ihres Verbandes BDEW in Vorleistung. Die Beschaffungskosten, die die Versorger für Gas zahlen müssen, seien in den vergangenen Monaten stark gestiegen. Zwischen Anfang 2021 und Anfang August 2022 hätten sich die Preise mehr als verachtfacht. „Es ist daher denkbar, dass nun häufiger Verträge angeboten werden, die zu deutlich höheren Preisen angeboten werden oder die sich am Terminmarkt orientieren“, so eine BDEW-Sprecherin.

Keine Grundversorgung für Unternehmen

Den betroffenen Unternehmen droht ein Blackout, wenn sie keinen bezahlbaren Anschlussvertrag bekommen. Anders als im Privatkundenbereich gibt es für Unternehmen keine zwingende Grundversorgung durch einen Energieanbieter. „Die Politik sollte dringend handeln, denn der Energiemarkt funktioniert nicht mehr“, mahnt Kirchdörfer. Es sei richtig, dass die Ampel-Koalition Hilfen für Bürger plant. „Zu kurz kommt in der politischen Debatte, dass die hohen Energiepreise für energieintensive Unternehmen zur Existenzfrage werden.“ 

Kirchdörfer fordert von der Bundesregierung auch, auf die geplante Gasumlage zu verzichten und stattdessen gezielt Versorger zu stützen. Während Privatleute für die Gasumlage durch eine niedrigere Mehrwertsteuer entlastet werden, müssten Unternehmen die vollen Mehrkosten tragen. Auch die staatlichen Hilfsprogramme für energieintensive Unternehmen sollten nachgebessert werden. „Rückmeldungen der Familienunternehmen zeigen hier, dass die Hürden viel zu hoch sind“, so Kirchdörfer. Trotz erheblicher Energiekostensteigerungen könnten nur wenige Unternehmen mit staatlicher Unterstützung rechnen.

Neue Strukturen gefordert

Auch Thomas Burger, Präsident des Verbands der badischen Industrie (wvbi) ruft zähneknirschend zum staatlichen Eingriff auf: „Wir merken gerade: Unser Mechanismus zur Strompreisbildung kann nicht mit externen Schocks und spekulativen Übertreibungen umgehen. Wir müssen rasch eingreifen, bis sich der Markt beruhigt hat. Vielleicht sogar mit einem befristeten Preisdeckel, der in einer Marktwirtschaft ansonsten nichts verloren hat.“  

Langfristig müsse der europäische Strommarkt neu strukturiert werden. „Mittelfristig brauchen wir eine Reform des sogenannten Merit-Order-Systems bei Preisbildung und Vergütung der Energieproduzenten, um künftig bei solchen Schwankungen besser gerüstet zu sein“, zeigt Burger auf, wo seiner Ansicht nach Änderungen nötig sind. EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen hat bereits angedeutet, dass Brüssel die Energiemärkte neu regulieren will und auch die Koppelung der Strompreise an die teuren Gas-Kraftwerke abschaffen will.

Mittelstand ächzt unter den Energiekosten

Nach einer Erhebung des deutschen Mittelstands-Bunds (DMB) bescheinigen 95 Prozent der befragten Betriebe der Bundesregierung eine mangelhafte bis ungenügende Entlastung für kleine und mittelgroße Unternehmen (KMU). Sie leiden erheblich unter den Energiekosten und rufen mehrheitlich nach Steuerentlastungen. „Die aktuellen Umfrageergebnisse zusammen mit den vielen Gesprächen, die wir mit Unternehmen und Selbstständigen aus allen Branchen führen, lassen zusehends erkennen, dass der Mittelstand stark unter den Energiepreisen leidet. Das Vertrauen in die wirtschaftliche Krisenkompetenz der Bundesregierung schwindet und insbesondere KMU fühlen sich von der Politik allein gelassen“, sagt Marc S. Tenbieg, geschäftsführender Vorstand des DMB.

Rund 73 Prozent der befragten DMB-Mitgliedsunternehmen gaben an, von den derzeitigen Energiepreisen stark bis sehr stark belastet zu sein. Zudem geht aus der Erhebung hervor, dass 48 Prozent in den vergangenen zwei Monaten in starkem bis sehr starkem Ausmaß mit Gehaltsforderungen aus der Belegschaft konfrontiert wurden. Dazu: „Die Antworten der Unternehmen zeigen klar, dass die hohen Energiepreise in den meisten Betrieben längst für akute wirtschaftliche Probleme sorgen und inflationsbegründete hohe Lohnforderungen zu einer Lohn-Preis-Spirale führen können, die die Krise in den Unternehmen nur noch mehr verstärken würde“, so Tenbieg. Die Frage nach dem Geschäftsausblick für die kommenden sechs Monate beantworteten 32 Prozent mit „schlecht“, zehn Prozent sogar mit „existenzbedrohend“.

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