Donnerstag, 01.12.2022
Finanzierung
Commerzbank

„Der Krisenmuskel ist ausgeprägt“

Michael Kotzbauer ist Mr. Mittelstand bei der Commerzbank. Die Wirtschaftskrise ist
für ihn ein „Wake-up-Call“, um Handelsströme neu zu sortieren und die Energiewende zu beschleunigen.

„Staatliche Unterstützung darf nicht in eine Endlosschleife münden“, warnt Michael Kotzbauer, Vorstand der Commerzbank und für Firmenkunden zuständig.

© judithwagner.com

Commerzbank-Tower, Frankfurt. Der 50. Stock ragt heute in die Wolken. Firmenkundenvorstand Michael Kotzbauer erscheint auf die Minute pünktlich zum Gespräch. Er ist entspannt. Während die Dauerkrise bei der polnischen Tochter mBank dem Geldhaus als Ganzes gerade das Ergebnis fürs dritte Quartal verhagelt, ist er der Gewinner. Die Sparte hat ihr operatives Ergebnis auf 536 Millionen Euro mehr als verdoppelt – und damit das beste Quartalsergebnis seit sieben Jahren eingefahren.

Herr Kotzbauer, einer der reichsten Männer der Welt, Jeff Bezos, hat gerade die Menschen zum Sparen aufgefordert, weil die Krise furchtbar wird. Schließen Sie sich dem an?

Das ist nicht der Appell, an den ich als Erstes denken würde. Die deutschen Unternehmen haben ihre Hausaufgaben gemacht. Covid war da der Auslöser. Sie haben gespart, einige haben sogar Liquidität aufbauen können, sie haben ihre Kostenbasis gesenkt und sind widerstandsfähiger geworden. Der Krisenmuskel ist ausgeprägt.

Wie schlimm wird es?

Unsere Volkswirte rechnen mit einem Minus von 1,5 Prozent im nächsten Jahr.

Das tut weh.

Das ist herausfordernd. Aber die Ausgangsbasis dafür, dass die deutsche Wirtschaft die kurzfristigen Herausforderungen meistert, sind gut. Die Auftragsbücher im Mittelstand sind voll, die Gasspeicher sind gut gefüllt.

Was ist das größte Problem bei den Mittelständlern, die Sie treffen?

Ich komme gerade von einem Treffen mit 40 Unternehmern in Gütersloh. Das Topthema ist der Arbeitskräftemangel. Und ich sage bewusst: Arbeitskräftemangel und nicht nur Fachkräftemangel.

 

Und in dieser Phase will die Regierung ein Bürgergeld, das das Nichtarbeiten erleichtert.

Es gibt mittelfristig wichtigere Stellhebel als das Bürgergeld. Die Zuwanderung zum Beispiel. Wir brauchen Zuwanderer in einer ökonomisch relevanten Größenordnung. Bundesarbeitsminister Hubertus Heil schlägt da mit seinem neuen Zuwanderungsgesetz den richtigen Weg ein.

Es ist ja nicht sein erster Versuch.

Ich will das nicht bewerten. Sehen Sie: Deutschland braucht eine grundlegende Transformation. Es geht um Infrastruktur, da denke ich beispielsweise an die Brücken. Es geht um die digitale Infrastruktur, es geht um Energie. Es geht darum, dass Genehmigungen schneller erteilt werden, wie das jetzt beim Bau der Flüssiggasterminals ja ganz offenbar funktioniert hat. Und es geht eben auch um den Arbeitsmarkt. Und da ist eine ökonomisch relevante Zuwanderung eine wichtige Zutat.

Aber nicht die einzige.

Nein. Wir brauchen weitere Instrumente, um den Arbeitskräftemangel zu lindern. Eine mögliche Option wäre aus meiner Sicht eine Verlängerung der Lebensarbeitszeit, über die man zumindest offen diskutieren sollte.

Das Thema ist bei der Ampelregierung derzeit ein Tabu.

Aber angesichts der demografischen Veränderungen geht es darum, langfristig tragfähige Lösungen zu finden. Aber ich verstehe auch, wenn die Politik den Fokus erst mal auf die Bewältigung der aktuellen Krise legt.

Kurzfristig geht es darum, die Folgen des Ukraine-Kriegs zu managen. Gelingt Unternehmen und Politik das?

Wir werden hoffentlich gestärkt aus dieser Krise kommen und sie auch als Wake-up-Call für dieses Land begreifen. Denn sie wird irgendwann zur Diversifizierung unserer Handelsströme beigetragen haben. Sie wird die Energiewende beschleunigt haben. Und sie wird unser eigenes Verhalten verändert haben. Wir werden mit Energie bewusster umgehen. Wir werden bezahlbare Energie haben. Ich beobachte schon jetzt, wie Industrie und private Kunden ihren Verbrauch spürbar senken.

Im Moment verlängern wir die Laufzeiten der Atomkraftwerke, fahren die Kohle hoch und ­setzen auf Flüssiggas.

Das ist das Gebot der Stunde.

Finanziert die Commerzbank so etwas? Sie haben ja auch Ihre ESG-Regeln.

Für uns kommt es darauf an, dass der Pfad der richtige ist. Kurzfristig müssen wir fossile Energie durch fossile Energie ersetzen. Aber langfristig betreiben wir die Energiewende. Die Commerzbank ist einer der größten Finanzierer regenerativer Energieformen. Die Flüssiggasnetze, die jetzt geschaffen werden, sind darauf ausgelegt, später Wasserstoff zu transportieren.

Was sind die Konsequenzen für die Bank?

Die Handelsströme verändern sich. Der Handel mit Europa, dem asiatisch-pazifischen Raum und Nordamerika wächst. Und wir gehen da mit und werden bei Bedarf auch unser Netzwerk von Repräsentanzen weiter ausbauen.

Apropos Handelsströme: Wie soll der Mittelstand mit China umgehen?

China wird für uns ein wichtiger Beschaffungs- und Absatzmarkt und für viele Unternehmen auch ein wichtiger Produktionsstandort bleiben. Das Decoupling, das ja im Moment in aller Munde ist, ist aus meiner Sicht nicht zielführend. Ich spreche lieber von Diversifizierung. Wir müssen Abhängigkeiten verhindern. Die Globalisierung ist nicht vorbei, aber sie entwickelt sich stärker in eine Regionalisierung. Der Mittelstand braucht unbedingt offene Märkte. Allerdings sollten für alle Marktteilnehmer in allen Märkten faire und vergleichbare Spielregeln gelten.

Wie schlägt sich die Krise in den Risikopositionen der Bank nieder?

Auf der einen Seite haben auch wir unsere Widerstandskraft gestärkt. Wir haben eine hohe Eigenkapitalquote. Und wir haben natürlich auch entsprechende Vorsorge getroffen. Auf der anderen Seite gibt es bisher keine Insolvenzwelle. Das liegt an der Stärke des deutschen Mittelstands. Auch die Entlastungspakete der Regierung werden dazu beitragen. Entscheidend für den Mittelstand ist jetzt, dass diese wirklich schnell greifen. Die Zeit ist ein kritischer Faktor.

Sind die Entlastungspakete gut konstruiert? Viele nörgeln.

Ich halte es für richtig, dass nicht die gesamten Mehrkosten ersetzt werden – sowohl bei privaten Haushalten wie auch in der Industrie. Dadurch bleibt der Anreiz zum Sparen.

Sollen Unternehmen, die so mit unserem ­Steuergeld gestützt werden, Dividenden und Boni zahlen?

Darauf gibt es keine pauschale Antwort. Ich finde aber schon, dass Unternehmen, die Gewinne ­schreiben, diese in einem angemessenen Maße auch ausschütten dürfen. Wichtig ist, dass die staatliche Unterstützung nicht in eine Endlosschleife mündet. Irgendwann muss Schluss sein.

Kauft die Commerzbank nächstes Jahr zur Kurspflege eigene Aktien zurück?

Wir haben uns die Zahlung einer Dividende fest vorgenommen. Darüber hinaus haben wir prinzipiell die Möglichkeit, auch Kapital über den Rückkauf von Aktien zurückzugeben. Aber Konkretes gibt es bei uns noch nicht. Klar ist, dass wir jede Überlegung in diese Richtung in enger Abstimmung mit dem Aufsichtsrat und der Aufsicht vornehmen.

Gerät die Marktwirtschaft in Gefahr, wenn der Staat ständig als Retter auftritt?

Ich bin stolz auf die soziale Marktwirtschaft. Sie ist genau das Richtige. Und sie ist stabil, wenn die Unterstützungsprogramme auf diesem Niveau die Ausnahme bleiben. Die Zusammenarbeit der Sozialpartner funktioniert bei uns auch in der Krise hervorragend. 

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