Freitag, 09.09.2022
Zukunftsmärkte
Gastbeitrag

Unternehmensstrategien müssen steigende geopolitische Risiken berücksichtigen

Der Krieg in der Ukraine hat die bedeutendste geopolitische Veränderung seit dem Ende des Kalten Krieges eingeläutet und die laufenden geopolitischen Machtverschiebungen massiv beschleunigt. Welche Formen wird die Globalisierung zukünftig annehmen? Und was heißt das für die Strategien und das Performancemanagement global agierender Unternehmen?

Famke Krumbmüller

Seit etwas mehr als einem Jahrzehnt steigen die politischen Risiken stetig. Die globale Finanzkrise von 2008-2009 leitete Jahre der Volatilität ein, und die Nachteile der Globalisierung wurden quasi über Nacht schmerzlich spürbar. In der Folge hatte die Europäische Union mit der Staatsschuldenkrise zu kämpfen, die Briten haben für den Brexit gestimmt und die Amerikaner Donald Trump gewählt. Und wie um die Herausforderungen, die sich durch die weltweite Verflechtung von Politik, Wirtschaft und Gesellschaft ergeben, weiter zu unterstreichen, suchte die die globale COVID-19-Pandemie die Welt heim und legte unter anderem internationale Lieferketten lahm. Und nun noch der Krieg in der Ukraine, der das Vertrauen auf Wandel durch Handel nachhaltig erschüttert und durch Sanktionen und weitere Lieferkettenunterbrechungen die Wirtschaft, aber auch die Versorgung großer Regionen der Welt mit Lebensmitteln empfindlich stört.

Dieses außergewöhnlich hohe Maß an geopolitischen Risiken hat global agierende Unternehmen in den letzten Jahren vor große Herausforderungen gestellt. Die Zeiten der immer weiter fortschreitenden Globalisierung sind vorbei. Wir leben jetzt in einer multipolaren Welt, die aus mehreren Blöcken besteht und in der grenzüberschreitende Geschäftsaktivitäten massiv erschwert werden.

Die Industrieländer bilden einen der Blöcke, Russland steht an der Spitze eines kleineren Blocks von Ländern, darunter mehrere Autokratien. Eine beträchtliche Anzahl von Schwellenländern – darunter China und Indien – schließen sich keinem dieser Blöcke an und ziehen es vor, eine eher neutrale oder transaktionale Haltung einzunehmen. Internationale Geschäftsmodelle werden in der entstehenden multipolaren Welt fortbestehen, sie müssen jedoch ständig an neue geopolitische Gegebenheiten angepasst werden.

Künftig werden geopolitische Allianzen die Geschäftsentscheidungen von Unternehmen stärker beeinflussen als wirtschaftliche Überlegungen. Der internationale Handel wird weitergehen, aber grundlegende Veränderungen im globalen Geschäftsumfeld werden in den kommenden Jahren die Arbeitsweise der Unternehmen, ihren Umgang mit Kunden und ihre Strategien sowie das Performancemanagement verändern.

Unternehmen werden noch stärker in Szenarien denken müssen, um daraus intelligente strategische Entscheidungen abzuleiten. Die Analyse realistischer Szenarien hilft Unternehmen, um mit dem aktuell hohen Maß an Ungewissheit strategisch umzugehen: Wie könnte die Welt sich über die nächsten fünf Jahre entwickeln? Welche Form der Globalisierung wird dominieren? Grundsätzlich lassen sich zwei treibende Kräfte identifizieren, welche die plausiblen Szenarien maßgeblich definieren werden.

Erstens: die Art der geopolitischen Beziehungen. Die entscheidende Frage ist, ob das geopolitische Umfeld durch eher lose Allianzen zwischen Ländern oder durch ausgeprägte und tendenziell kooperationsunwillige Blöcke bestimmt sein wird. Die Antwort darauf wird zu einem großen Teil vom Ausgang des Krieges in der Ukraine und der geopolitischen Positionierung Chinas abhängen. Auch der Zusammenhalt der transatlantischen Beziehungen wird eine entscheidende Rolle spielen, sowie die Außenpolitik einer Reihe von Mittelmächten - darunter Indien, Australien und die Türkei.

Die zweite treiben Kraft wird die Entwicklung der wirtschaftspolitischen Haltung der Länder sein. Wird der Trend der letzten zwei Jahre weitergehen und die Wirtschaftspolitik durch Interventionismus geprägt sein, um die nationale Wettbewerbsfähigkeit zu sichern, oder wird es eine Verschiebung hin zu mehr Liberalisierung geben? Wohin das Pendel schlägt, wird davon abhängen, inwieweit die Regierungen industriepolitische Maßnahmen ergreifen und die Zahl der strategischen Sektoren, die einem hohen Maß an politischer Einflussnahme ausgesetzt sind, erweitern. Diese politischen Entscheidungen werden wiederum stark von der Entwicklung der COVID-19-Pandemie, der globalen Ernährungssicherheit, den Auswirkungen des Klimawandels und der Stärke des Wirtschaftswachstums beeinflusst.

Aus dem Zusammenspiel dieser beiden Faktoren ergeben sich vier plausible Szenarien für das globale Umfeld in den nächsten fünf Jahren:

  • Im ersten Szenario schaffen schwankende, instabile geopolitische Allianzen zwischen Ländern ein unbeständigeres geopolitisches Umfeld. Wirtschaftliche und sicherheitspolitische Erwägungen werden in einer interventionistischen Wirtschaftspolitik miteinander vermischt. In diesem Szenario „regiert die Eigenständigkeit“: Das übergreifende Ziel ist, nationale Autarkie und wirtschaftliche Sicherheit um jeden Preis zu erlangen. Eine in diesem Sinne isolationistische Politik führt zu einer erhöhten Volatilität des Handels und damit zu mäßigeren und unbeständigeren Wirtschaftswachstumsaussichten.
  • Im zweiten Szenario würde sich durch die Verhärtung der Allianzen und den ideologischen Wettbewerb eine Weltordnung entwickeln, die von zwei unterschiedlichen Blöcken bestimmt wird. In diesem „Zweiter Kalter Krieg“- Szenario greifen die Regierungen in die Lieferketten ein, schränken grenzüberschreitende Investitionen ein und verhängen Ausfuhrkontrollen und andere restriktive Maßnahmen für Geschäfte mit Unternehmen in den jeweils anderen Blöcken.
  • Im dritten, dem „Freunde zuerst“-Szenario, sind geopolitische Beziehungen durch komplexe Allianzen und Affinitätsgruppen gekennzeichnet. Regierungen geben strategischen Lieferketten innerhalb ihrer Allianzen den Vorrang, und Unternehmen verlagern wichtige Operationen und Lieferungen durch "Friendshoring". Trotz dieser Spaltungen halten sich die geopolitischen Spannungen in Grenzen, da sich die Regierungen auf die Förderung des Wirtschaftswachstums im eigenen Land konzentrieren.
  • Im vierten, dem „Globalisierung lite“-Szenario, bringen geringe geopolitische Spannungen ein stabileres und berechenbareres globales Betriebsumfeld für Unternehmen. Es gibt keine ideologischen Blöcke, sondern nur handelsgetriebene Partnerschaften und nur wenige strategische Sektoren, in die die Regierungen eingreifen.

"Globalisierung Lite" würde die geringsten politischen Beschränkungen für grenzüberschreitenden Handel und Investitionen mit sich bringen. Es ist derzeit aber auch das unwahrscheinlichste dieser Szenarien, da es ganz erheblicher politischer Umkehrungen bedürfte, um die Entwicklung der globalen Rahmenbedingungen in diese Richtung zu lenken.

Geopolitische Beziehungen werden in der Zukunft maßgeblich das Geschäftsumfeld beeinflussen. Daher werden Unternehmen wahrscheinlich ein geringeres politisches Risiko eingehen, wenn sie in Märkten investieren, die mit dem Block ihres Heimatlandes verbunden sind. Dies gilt sowohl für neue als auch für bestehende Investitionen. Ganz besonders betrifft dies Unternehmen, die in der wachsenden Zahl von Sektoren tätig sind, die aus wirtschaftlichen oder nationalen Sicherheitsgründen als strategisch eingestuft werden - etwa Halbleiter, Computer- und Telekommunikationsausrüstung, aber auch Elektrofahrzeuge, Arzneimittel und kritische Infrastruktur.

Die zunehmende Einflussnahme der Regierungen in den unterschiedlichen Volkswirtschaften wird sich auf die Lieferkettenstrategien auswirken. So werden die Bemühungen der Regierungen um die Selbstversorgung in strategischen Sektoren die traditionellen, grenzüberschreitenden Lieferketten beeinträchtigen. Technologieunternehmen, Hersteller, Automobilhersteller, Unternehmen der Biowissenschaften, der Agrarindustrie und der erneuerbaren Energien werden von dieser politischen Dynamik am stärksten betroffen sein. Führungskräfte sollten die Lieferketten ihrer Unternehmen auf Nearshoring-, Onshoring- oder Friendshoring-Strategien zur Verbesserung ihrer Widerstandsfähigkeit überprüfen.

Insgesamt sollten Unternehmen nach einem umfassenden Verständnis dieser Dynamiken streben und einen proaktiven und strategischen Ansatz für das politische Risikomanagement verfolgen. Damit werden sie ganz automatisch über ihre unmittelbaren ökonomischen Interessen hinaus eine aktive Rolle bei der Gestaltung der zukünftigen Welt spielen.


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