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Den Innovationsturbo zünden mit Design Thinking

Der Mittelstand ist kontinuierlich auf Innovationen angewiesen, gerade in wirtschaftlich herausfordernden Zeiten. Um bessere Produkte, Prozesse und Dienstleistungen zu entwickeln, hat sich die kreative Methode des Design Thinking bewährt. Ein Gastbeitrag von Matthias Zehetmayer.

Design Thinking ist vom ganz großen Trend zum Alltagstool geworden.

Der Mittelstand ist kontinuierlich auf Innovationen angewiesen, gerade in wirtschaftlich herausfordernden Zeiten. Um bessere Produkte, Prozesse und Dienstleistungen zu entwickeln, hat sich die kreative Methode des Design Thinking bewährt. Die Grundprinzipien dieser an der Arbeitsweise von Designern orientierten Arbeitsweise sind schnell erklärt und können in fast jedem Unternehmen gewinnbringend eingesetzt werden.

Je diverser, desto kreativer.

Design Thinking wurde das erste Mal vom späteren Wirtschaftsnobelpreisträger Herbert Simon in seinem Buch “The Sciences of the Artificial” (1969) erwähnt. Simon erkannte, dass ein Team umso kreativere Ergebnisse liefert, je multidisziplinärer es aufgestellt ist. Oder anders gesagt: Ein halbes Dutzend Ingenieure liefert in der Regel weniger überraschende Ergebnisse als eine bunt zusammengewürfelte Truppe aus Vertrieb, Produktentwicklung, IT und Support. 

Als Erstes brauchen Sie also ein multidisziplinäres Team, in dem alle kreativ sein dürfen – und es gewissermaßen sogar sein müssen. Der nun beginnende Design Thinking Prozess ist relativ einfach: Das Problem wirklich verstehen, eine große Anzahl möglicher Lösungen untersuchen, Prototypen erstellen und die Ideen einem gnadenlosen Praxistest unterziehen. Dabei sollten immer die Menschen im Mittelpunkt stehen, für die wir Probleme lösen wollen: unsere Kund:innen.
 

In 5 Schritten zur Innovation.

Was heißt das konkret? Angenommen, Sie produzieren Staubsauger und wollen ein neues Produkt auf den Markt bringen, dann könnte in Ihrem Unternehmen der Design Thinking Prozess folgendermaßen aussehen:

Kunden verstehen: Führen Sie Interviews mit Ihren Kund:innen und finden Sie heraus, was deren Probleme und Wünsche sind. Stellen Sie dabei offene Fragen, hören Sie gut zu und lösen Sie sich von eventuellen Vorurteilen. Beobachten Sie unbedingt Ihre Kund:innen bei der Nutzung Ihres Produkts, also beim Staubsaugen: Sie werden überrascht sein, wieviele Nutzer:innen sich zum Beispiel beim Umschalten von Teppich auf Parkett umständlich bücken, obwohl es laut Gebrauchsanweisung ganz anders geht.

Problem definieren: In diesem Schritt nutzen Sie die vorher gewonnenen Informationen, um das Problem aus Sicht des Nutzers zu beschreiben. Zum Beispiel: Nutzer brauchen einen Staubsauger, der nicht zu laut sein darf, weil sie die Nachbarn nicht stören wollen. Der Staubsauger darf nicht zu schwer und sperrig sein, weil die Nutzer mehrheitlich über 65 und motorisch nicht mehr so fit sind. Da viele Nutzer:innen es unangenehm finden, sich zu bücken, muss er sich zudem im Stehen bedienen lassen. Auf Basis dieser Definition der Problemstellung versuchen Sie in der nächsten Stufe Ideen zu generieren.

Ideen entwickeln: Nachdem Sie nun die Nutzer:innen Ihres Produkts kennen und eine Problemstellung aus Kundensicht formuliert haben, darf Ihr multidisziplinäres (internes) Team nun endlich kreativ werden. Wählen Sie hierfür eine Methode, bei der bekannte Einschränkungen erstmal ignoriert werden dürfen, wie etwa Brainstorming. Wenn Sie im Jahr 1990 vorgeschlagen hätten "Wir entwickeln einen Roboter, der selbständig saugt”, wäre Ihre Idee damals zwar absurd erschienen, ist aber heute längst Realität. In dieser Phase wird also jede neue Idee erst einmal willkommen geheißen, es geht erstmal nur um Masse, nicht um Klasse.

Auf der anderen Seite können Sie natürlich nicht 1001 Ideen verfolgen, sondern müssen sich für die weitere Ausarbeitung auf die erfolgversprechendsten konzentrieren. Eine einfache und beliebte Methode der Ideen-Bewertung ist das Dot Voting: Jedes Teammitglied bekommt eine bestimmte Anzahl von Punkten und verteilt diese zwischen den Ideen. Die Ideen mit den meisten Punkten kommen weiter, während die restlichen Ideen erst einmal in der Schublade verschwinden können.
 

Prototyp bauen: Die erfolgversprechendsten Ideen werden nun zu Prototypen. Nehmen Sie hierfür einfache Bastelmaterialien wie Papier, Schere und Stifte zur Hand, bauen Sie mit den Legosteinen Ihrer Kinder oder kritzeln Sie mit Bleistift auf Papier. Einen neuen Staubsauger können Sie zum Beispiel mit einer Schuhschachtel und zwei Fäden simulieren. Die Knöpfe können Sie aufmalen oder aufkleben – Hauptsache, Sie visualisieren schnell und günstig, wie Sie die Kundenprobleme lösen wollen.

Indem Sie Ihren simplen Low-Fidelity Prototypen bauen, ermöglichen Sie es allen Beteiligten, die Lösung ganzheitlich zu durchdenken: Wo sollte der Ein/Aus-Schalter am besten platziert sein? Woran merke ich, dass der Staubsaugerbeutel voll ist? Braucht es das Netzkabel oder hat der Staubsauger einen Akku? Bauen Sie ruhig mehrere Prototypen. Es gibt natürlich auch die Möglichkeit, High-Fidelity- Prototypen (deutlich ausgereifter und mit mehr Funktionen) zu bauen, aber vorerst reicht es, Ihren Prototypen möglichst schnell den Nutzern zu präsentieren, um so früh wie möglich Feedback zu bekommen.

Testen lassen: Nun muss sich Ihre Idee gegenüber echten Nutzer:innen beweisen. Erklären Sie zuerst den Test-Nutzer:innen die Aufgabe, etwa: “Dies ist unser neuer Staubsauger: Schalten Sie ihn ein und saugen Sie die Krümel weg, die wir hier verstreut haben, und kommentieren Sie dabei jeden Ihrer Schritte. Was fällt Ihnen auf, was gefällt Ihnen und was stört Sie?” Geben Sie sich auf keinen Fall als Designer des Prototypen zu erkennen, damit Sie ehrlicheres Feedback bekommen. Und freuen Sie sich auch über negatives Feedback, denn dies gibt Ihnen die Chance, rechtzeitig gegenzusteuern.

Design Thinking ist kein linearer Prozess, Sie können also zu jeder Zeit auf jede Stufe zurückspringen. Vielleicht entdecken Sie erst jetzt etwas über die Nutzer:innen, das Ihnen in der ersten Stufe nicht aufgefallen ist. Vielleicht ist aus diesem Grund auch die Problemstellung falsch und Sie müssen Korrekturen vornehmen. Seien Sie froh, dass es früh passiert ist und nicht erst in einer späteren Stufe der Produktentwicklung oder nach der Markteinführung. Das Fail-fast-Prinzip kann für die Beteiligten zwar äußerst frustrierend sein, spart aber wertvolle Ressourcen wie Zeit und Geld, da nicht-funktionierende Ideen relativ schnell aussortiert werden. 

Wenn Sie Design Thinking im eigenen Unternehmen ausprobieren wollen, können Sie dafür eine Vielzahl kostenloser Toolkits nutzen, etwa von Stanfords d.school (https://dschool.stanford.edu/resources) oder der Interaction Design Foundation (https://www.interaction-design.org/). Sie werden überrascht sein, welches kreative Potenzial in Ihrem Unternehmen schlummert und wie viele echte Innovationen sich in relativ kurzer Zeit verwirklichen lassen.

Dr. Matthias Zehetmayer ist Produktmanager bei Porsche Classic

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