Montag, 09.12.2019

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Volles Lager: Wenn die gelieferten Rohstoffe die Preis- und Qualitätsansprüche des Kunden erfüllen, bekommt der Zulieferer eine gute Bewertung.

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Lieferantenbewertung: Wie findet man die richtigen Zulieferer?

Produkte sind nur so gut wie die Komponenten und Rohstoffe, die in ihnen stecken. Dafür braucht es die richtigen Lieferanten. Doch wie findet man sie? Nach welchen Kriterien wählt man sie aus? Und wie entwickelt man Lieferanten weiter? Ein Überblick.

Definition: Was ist eine Lieferantenbewertung?

Die Lieferantenbewertung ist eine betriebsinterne Benchmark, nach der die Leistungen der Zulieferer anhand von verschiedenen Kriterien beurteilt werden. Machen zwei Unternehmen miteinander Geschäfte (B2B), findet die Bewertung durch den Warenabnehmer, also den Kunden, statt. Er legt die Kriterien nach seinen individuellen Ansprüchen, Interessen und Prioritäten fest.

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Durch eine solche Bewertung wird die Leistungsfähigkeit der Lieferanten beim Einkauf sichtbar und nachvollziehbar. Je mehr das Unternehmen über seine Lieferanten weiß, desto besser kann es entscheiden, ob und wie eine Zusammenarbeit sinnvoll ist. Vereinfacht gesagt, ermöglichen Lieferantenbewertungen es also, die Spreu vom Weizen zu trennen.

Wann wird die Lieferantenbewertung durchgeführt?

Es gibt hauptsächlich zwei Szenarien, wann eine Lieferantenbewertung benutzt wird. Damit sind auch unterschiedliche Ziele verbunden. Im ersten Fall sollen neue Zulieferer aufgebaut werden, zum Beispiel wenn ein neues Produkt auf den Markt gebracht werden soll. Die Lieferantenbewertung hilft dann bei der Entscheidung, an wen Aufträge vergeben werden sollen.

Der zweite Fall, der zum Alltag in fast allen KMU gehört, ist die Zusammenarbeit mit einem bereits bestehenden Pool von Lieferanten. Mit diesen soll die Zusammenarbeit in den Bereichen Wertschöpfung, Weiterentwicklung von Produkten und Logistik kontinuierlich optimiert werden. Um eine Diskussionsgrundlage, etwa für Preisverhandlungen, zu haben, ist es sinnvoll, Lieferantenbewertungen in regelmäßigen Abständen durchzuführen. Regelmäßig bedeutet mindestens einmal im Jahr.

Welche Bedeutung haben Lieferantenbewertungen im Mittelstand?

Unabhängig von einzelnen Branchen sind Lieferantenbewertungen im Mittelstand heute recht weitverbreitet. Ein Grund dafür ist, dass die Beurteilung, Auswahl, Prüfung und Überwachung von Produkten und Dienstleitungen im Rahmen der Zertifizierung nach ISO 9001 vorgeschrieben und heute Teil des Qualitätsmanagements (QM) sind.

Die Bedeutung der Lieferantenbewertung ist von verschiedenen Faktoren abhängig. Ein wichtiges Kriterium ist die Eigenfertigungstiefe. Diese Kennziffer sagt aus, welcher Anteil der Komponenten für das Endprodukt im eigenen Betrieb hergestellt wird. Kauft das Unternehmen viele Komponenten extern zu oder setzt Outsourcing ein, sinkt die Eigenfertigungstiefe. Gleichzeitig steigt dann auch die Abhängigkeit von Zulieferern. Je höher diese ist, desto wichtiger werden Lieferantenbewertungen.

Nach welchen Kriterien werden die Lieferanten bewertet?

Die Auswahl der jeweiligen Kriterien legt das Unternehmen selbst fest. Standardkriterien sind Preis, Qualität oder Innovationskraft. Je nach Branche und Größe des Unternehmens fließen auch die Lieferfähigkeit, Lieferungs- und Zahlungsbedingungen, Marktanteile, Markt- und Verhandlungsmacht oder das Marktverhalten in die Bewertung mit ein.

Je mehr Produktgruppen die Lieferantenbewertungen umfassen, desto komplexer werden sie. Ist das eigene Endprodukt innerhalb der Supply Chain ebenfalls nur ein Zulieferprodukt für andere Großabnehmer, müssen deren Wünsche in die Lieferbewertung integriert werden. Dann gewinnen Kennzahlen wie die Lieferbereitschaft, Lieferfähigkeit, Lieferzeit, Zuverlässigkeit oder Servicelevel eine größere Rolle.

Unternehmen, die den Anspruch haben, nachhaltig einkaufen zu wollen, orientieren sich in der Regel an den Themenkomplexen Energie, Umwelt und soziale Verantwortung. Für solche Unternehmen kann zum Beispiel eine Bedingung sein, dass der Zulieferer aus der Region kommt oder über Umweltzertifikate in den Bereichen Energieeffizienz, Kreislaufwirtschaft beziehungsweise Nachhaltigkeit verfügt.

Im ersten Schritt wird ein Kriterienkatalog erstellt, danach müssen diese gewichtet werden. Welche Gewichtung sinnvoll ist, hängt von der Branche, dem Geschäftsmodell und den Roh-, Hilfs- und Betriebsstoffen ab, die in den Produkten verarbeitet werden. Spielen beispielsweise seltene Rohstoffe eine wichtige Rolle, sollte das Risiko für Lieferausfälle ein signifikantes Bewertungskriterium sein.

Alle Materialgruppen sollten nach einem einheitlichen Kriterienkatalog bewertet werden, um Ausgewogenheit zu erreichen. Die Gewichtung der Kriterien wie auch die Bestimmung der Subkriterien sollten Unternehmen für jede Gruppe individuell festzulegen. Kunststoffteile und Elektronikkomponenten mit denselben Kriterien zu bemessen kann zu fehlerhaften Ergebnissen führen. Eine Auswahl und Erklärung der wichtigsten quantitativen und qualitativen Methoden, die sich für mittelständische Unternehmen eignen, haben wir hier zusammengestellt. Der Elektrotechnikhersteller ETA hat sich bei der Lieferantenbewertung für die Nutzwertanalyse entschieden. Wie der Mittelständler damit die Zusammenarbeit mit den Zulieferern verbessert, können Sie hier nachlesen.

Was passiert nach der Bewertung?

Durch die Bewertung lässt sich ein Ranking erstellen. Naturgemäß passen Unternehmen mit den Höchstwerten am besten zu den eigenen Anforderungen. Zur Klassifizierung werden darüber hinaus drei Basiskategorien gebildet: „bevorzugter Lieferant“, „zu entwickelnder Lieferant“ und „verbotener Lieferant“.

Welche Maßnahmen lassen sich aus der Lieferantenbewertung ableiten?

Die Bewertung von Lieferanten bildet die Basis, um daraus konkrete Maßnahmen abzuleiten. Diese können zum Beispiel so aussehen:

  • Anpassung des Liefervolumens: Gut bewertete Lieferanten bekommen mehr Aufträge, schlecht bewertete weniger.
  • Im schlimmsten Fall kann es auch sinnvoll sein, sich von bestehenden Lieferanten zu trennen, etwa wenn diese keine Bereitschaft zeigen, neue Anforderungen zu erfüllen.
  • Eine hohe Zahl von Lieferanten verursacht hohe Bestellabwicklungskosten. Um diese zu senken, sollte die Anzahl der Zulieferer reduziert werden, indem Volumen von mehreren Lieferanten bei einem einzigen Lieferanten gebündelt werden.
  • Der umgekehrte Fall liegt vor, wenn die Analyse zeigt, dass es monopolistische Lieferanten gibt. Dann sollte das Unternehmen aktiv nach Ersatzlieferanten suchen, um Abhängigkeiten zu reduzieren. In diesem Fall kann es auch notwendig sein, Komponenten zu höheren Preisen zu beziehen.

Was bedeutet Lieferantenentwicklung?

Bei Lieferanten, mit denen das Unternehmen schon länger zusammenarbeitet, dienen die Erkenntnisse aus der Lieferantenbewertung als Evaluation und Dokumentation für eine bessere Zusammenarbeit. Dafür ist es wichtig, dass den Lieferanten die Lieferantenbeurteilungen mitgeteilt werden. Nur so lassen sich aufgezeigte Schwachpunkte gezielt beheben.

Neben einem Belohnungssystem in Form von mehr Aufträgen können bewehrte Zulieferer auch zu einem frühen Zeitpunkt in die Entwicklung neuer Produkte integriert werden. Auf diese Weise übernehmen sie eine immer wichtigere Rolle in der Wertschöpfungskette. Das wohl bekannteste Beispiel einer erfolgreichen Lieferantenentwicklung ist der Automobilzulieferer Bosch. Die enge Zusammenarbeit mit dem Stuttgarter Autobauer Daimler reicht bis in die Gründungsjahre zurück. In regelmäßigen Abständen hat Bosch in den vergangenen 40 Jahren innovative Produkte wie das Antiblockiersystem (ABS), die Antriebsschlupfregelung (ASR) oder die Benzin-Direkteinspritzung für seine Kunden entwickelt.