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Personal > Personalmangel

Warum Mittelständler nicht viel häufiger Top-Leute von Konzernen abgreifen

Konzerne planen in großem Stil, Personal zu ­streichen. Davon könnten Mittelständler ­profitieren. Doch bisher bewegt sich wenig. Dafür gibt es unterschiedliche Gründe.

Genaue Kontrolle: Bei ZF Friedrichshafen verlässt kein Produkt ohne Prüfung die Hallen. Nach mehreren Zukäufen schaut der Autozulieferer jetzt, ob die Belegschaft nicht zu groß geworden ist. Bildquelle: ZF Friedrichshafen

Die Nachrichten aus Deutschlands Spitzenkonzernen erinnern an triste Krisenzeiten aus der Vergangenheit. Kaum eine Woche, in der nicht neue Stellenabbaupläne verkündet werden. Den Rotstift setzen die Spitzenadressen der Deutschen Wirtschaft an. Ob Deutsche Bank, SAP, Bayer oder Miele: Überall stehen Tausende Stelle zur Disposition. Besonders heftig trifft es die Beschäftigten in der Autoindustrie, vor allem die Zulieferer. Bei Bosch sollen 4000, bei ZF Friedrichshafen sogar 12.000 Stellen mittelfristig gestrichen werden. Der Reifenhersteller Michelin schließt seine Lkw-Reifenproduktion in Karlsruhe und Trier mit 1500 Beschäftigten. Bei Mercedes sollen die eigenen Verkaufsniederlassungen dem Sparkurs zum Opfer fallen. Rund 8000 Leute blicken hier in eine ungewisse Zukunft. Und auch bei Brose und Continental sitzen die Führungskräfte an Sparprogrammen.

Was erstaunt: Noch vor kurzer Zeit haben auch diese Unternehmen den Mangel an Fachkräften beklagt. Doch jetzt werden bei Bosch sogar Stellen in der Forschung und Entwicklung beispielsweise rund um das autonome Fahren gestrichen – ein Zukunftsgeschäft. Es geht also in vielen Fällen nicht um Arbeitsplätze rund um die auslaufende Verbrennertechnologie. Die Autoindustrie befeuert einen Stellenabbau, den die Branche schon vor Jahren angedroht hat. Demnach sollen in Deutschland bis zu 75.000 Stellen wegfallen. Viele kleinere Unternehmen, die bisher das Nachsehen auf dem Arbeitsmarkt hatten, wenn die großen ums selbe Personal buhlten, könnte jetzt die Chance bestehen, Fachkräfte zu bekommen. Doch es ist kompliziert – wie so oft.

Der Kahlschlag kommt nicht überraschend. Seit Jahren investiert die Autoindustrie viele Milliarden in die Entwicklung von Produkten rund um die Elektromobilität. Der Getriebespezialist ZF hat mit TRW und Wabco sogar zwei Konzerne gekauft, um die Transformation stemmen zu können. Jetzt könnten viele Hersteller und Zulieferer mit Stromern durchstarten – nur der Markt will sie nicht. Die Branche sitzt nun ausgerechnet in Zeiten hoher Zinsen auf riesigen Kapazitäten. Und manche – wie beispielsweise ZF – sogar auf einem milliardenhohen Schuldenberg. Immer deutlicher wird nun, dass die Wette auf die E-Mobilität vor allem politisch befeuert wurde. Die Realität sieht völlig anders aus. Den Kunden sind die Autos zu teuer und die Lademöglichkeiten zudem weiter ungewiss. 

Run auf Spezialisten?

Der kostspielige Spagat zwischen Verbrenner und E-Antrieb zieht sich also länger hin als ursprünglich gedacht. Für teure Entwicklungen wie das autonome Fahren oder eigene Softwarelösungen ist kein Geld mehr da. Bei VW stehen deshalb bei der IT-Tochter Cariad rund 2000 Stellen zur Disposition. Man werde wohl Verbrenner doch so lange anbieten, wie die Kunden sie nachfragen, sagte etwa Mercedes-Chef Ola Kaellenius. Der wollte Ende der Dekade nur noch E-Autos vom Band rollen lassen.

Angesichts der Streichpläne müssten jetzt jene loslaufen, die seit Jahren nach Fachkräften suchen. Doch von einem Run auf die potenziell verfügbaren Spezialisten kann derzeit keine Rede sein. ZF bestätigt, dass sich einige Betriebe für die 200 Mitarbeiter aus dem Werk Gelsenkirchen interessieren. Den Standort will der Konzern vom Bodensee schließen. Doch die Dimension des Sparprogramms beim Autozulieferer sind noch ganz anders. Betriebsrat und IG Metall zufolge sollen insgesamt bis zu 12.000 Stellen wackeln. Der Widerspruch bei den Zahlen hat Gründe: Derzeit verhandelt das Management mit dem Betriebsrat über die Zukunft von Produktreihen und Standorten. Darum lässt man sich offiziell in der Zentrale nicht auf Konkretes ein.

Mit den Zahlen konfrontiert, wiegelt der Konzern ab. In den kommenden Jahren würden überwiegend Mitarbeiter das Unternehmen verlassen, die in Rente oder und Altersteilzeit gingen und nicht mehr ersetzt würden. Die müsse man folglich auch nicht an andere Unternehmen vermitteln. Beim Zulieferer entstehe trotz der Transformation dank der demografischen Entwicklung kein Beschäftigungsüberhang, versichert ein Sprecher auf Nachfrage. Beim Betriebsrat kann man diese Gelassenheit nicht nachvollziehen, zumal wenn gleichzeitig in den USA und Indien neue moderne Werke für die Elektromobilität in Betrieb genommen werden. Für die Arbeitnehmervertreter heißt das weitere Verlagerung. „Sind die Stellen bei uns einmal weg, kommen sie nicht wieder“, sagt ein Sprecher des Konzernbetriebsrats.

Auch bei Bosch werden bis zu 4000 Stellen infrage gestellt. Die meisten in Hightech-Bereichen wie autonomem Fahren oder Entwicklung neuer Lösungen rund ums Auto. Einem Teil der Betroffenen soll intern eine andere Stelle angeboten werden. Auch hier wird derzeit noch mit dem Betriebsrat verhandelt. Der Stuttgarter Konzern stellt seit Jahren die Weichen für den technologischen Wandel und bietet eine Reihe von internen Weiterbildungsmöglichkeiten an. Seit 2018 seien so 500 Teilnehmer extern weitervermittelt worden, berichtet das Unternehmen. Zudem würden sich 70 Bosch-Personalexperten um die Vermittlung von eigenen Beschäftigten an andere Arbeitsplätze im Konzern bemühen. Seit 2019 seien so 1100 Mitarbeiter in anderen Bereichen untergekommen.

Arbeitsmarktspezialist Nicolas Bauer von der IG Metall Baden-Württemberg sieht aufseiten der Betroffenen derzeit kein sonderliches Interesse, einen Wechsel zu einem anderen Arbeitgeber anzugehen. „Die Konditionen bei den Großen sind schon sehr attraktiv. Man denke nur an die hohen Gehälter oder an Zusatzleistungen wie Erfolgsprämien, Dienstwagen oder eine Betriebsrente“, gibt er zu bedenken. Zudem spekuliere so mancher Beschäftigte auf eine Abfindung und warte deshalb zum Leidwesen interessierter Mittelständler ab.

Mit diesem Eindruck ist der Gewerkschafter nicht allein. Man befinde sich eben auf einem Arbeitnehmermarkt, ist bei der Bundesagentur für Arbeit in Stuttgart hinter vorgehaltener Hand zu hören. Die Leute könnten es sich aussuchen. Da würden die Mittelständler ins Hintertreffen geraten. „Die bieten weniger Geld und erwarten aber mehr Leistung und Verantwortung. Da winken viele Beschäftigte in den Konzernen erst einmal ab“, sagt ein Experte, der mit dieser Meinung lieber nicht genannt werden will.

Wenig Vermittlungsbedarf 

Die Stuttgarter Behörde müsste schnell erfahren, wenn im Südwesten Unternehmen in größere Zahl Personal abbauen. Denn die Betriebe sind nach dem Kündigungsschutzgesetz verpflichtet, einen solchen Schritt zu melden. Doch nach den Hiobsbotschaften aus der Autoindus trie ist bei der Behörde offenbar noch kein vermehrter Vermittlungsbedarf registriert worden. Das bedeutet, dass der Personalabbau noch keine konkreten Formen angenommen hat. Bisher seien auch nicht mehr Anträge auf Kurzarbeit eingegangen, teilt die Behörde auf Anfrage mit. Das wäre ein Grund, warum die Mittelständler nur zurückhaltend bei den Konzernen anklopfen, die ihre Fachkräfte loswerden wollen.

Autozulieferer wie Bosch und Continental gehören zu den 67 Unternehmen und Verbänden, die sich an der 2021 gegründeten Initiative Allianz der Chancen in Berlin beteiligen. Auch der Bundesverband der Mittelständischen Wirtschaft ist hier engagiert. Zunehmend würden sich auch kleinere Unternehmen für die Allianz interessieren, heißt es auf Nachfrage. Unter diesem Dach soll die Vermittlung von Fachkräften untereinander sowie die Weiterbildung der Betroffenen verstärkt werden. Hier können Unternehmen auch Stellen hinterlegen, die sie gerne besetzen wollen. Aktuell macht überwiegend der Immobilienkonzern Vonovia davon Gebrauch. 

Hinterlegt sind auf der Webseite der Allianz aber auch Kontakte zu Projekten von Unternehmen zu Weiterbildung oder zu Übernahme von Beschäftigten aus anderen Unternehmen. So bietet die Deutsche Bahn den Beschäftigten von Continental eine neue Tätigkeit in den eigenen Reihen. Wie viele Menschen konkret eine neue Stelle gefunden haben, vermag man allerdings nicht zu sagen. Das Angebot hinter den ganzen Hochglanzpräsentationen ist überschaubar. Das liege daran, dass die Plattform noch im Aufbau sei, heißt es.

Ende Januar war auch Bundeskanzler Olaf Scholz (SPD) beim „Netzwerktreffen“ der Allianz in Berlin anwesend. Ihm haben die Mitglieder zu verstehen gegeben, dass für die Transformation noch wichtige Weichen gestellt werden müssten. So sei beispielsweise die Einführung einer Orientierungszeit für Beschäftigte in Unternehmen mit strukturellen Personalüberhängen notwendig, sagt eine Bosch-Sprecherin. Dies soll praxisorientiertes Lernen in einem anderen Betrieb ermöglichen, vergleichbar mit einem Praktikum, um schnelle und konkrete berufliche Anschlussperspektiven zu schaffen. „Aktuell existiert hierfür noch keine gesetzliche Grundlage – deshalb bedarf es zur Umsetzung einer raschen Anpassung des Arbeitnehmerüberlassungsrechts. Ziel der Orientierungszeit ist es, Beschäftigte innerhalb von vier bis sechs Wochen vollumfänglich in das aufnehmende Unternehmen zu integrieren und einen unkomplizierten Arbeitgeberwechsel zu unterstützen“, sagt die Bosch-Sprecherin.

Mitarbeiter verleihen

Im Landkreis Esslingen bei Stuttgart ist seit mehr als 15 Jahren der Austausch von Mitarbeitern bereits gelebter Alltag. In der Region sind vor allem Mittelständler aus der Autoindustrie und dem Maschinenbau tätig. Mitten in der Finanzkrise haben IG Metall und Arbeitgeberverband Südwestmetall einen Tarifvertrag abgeschlossen, der die Grundlage für eine besondere Verleihung von Arbeitskräften bildet. Gut 30 Unternehmen tauschen seitdem für Wochen oder Monate Beschäftigte untereinander aus. Das System entlastet die Betriebe mit leeren Auftragsbüchern. Wer Beschäftigungsspitzen hat, kommt so schnell an erfahrene Fachkräfte.

„Für die Betroffenen ändert sich der Arbeitsplatz. Das Gehalt kommt wie gewohnt vom Arbeitgeber“, erklärt Alessandro Lieb, Bevollmächtigter der IG Metall in Esslingen. Wie viele Beschäftigte aktuell in einem fremden Betrieb arbeiten, wissen weder Gewerkschaft noch Arbeitgeberverband. Lieb schätzt sie auf ein knappes Dutzend. „Das machen die Personalabteilungen seit Jahren untereinander aus“, erklärt er den fehlenden Überblick. Das System bringe für alle Vorteile. Für die Unternehmen bedeutet es eine kurzfristige Kostenentlastung. Die Betroffenen gewinnen in der neuen Umgebung zusätzliche Erfahrungen, die sie dann in die eigene Firma einbringen. Der nachfragende Betrieb spart sich hingegen die Kosten für die Vermittlung durch eine Zeitarbeitsfirma. Zudem können die gut vernetzten Personalabteilungen sehr genau einschätzen, wer für welche Tätigkeit infrage kommt. Dabei gilt ein ungeschriebenes Gesetz, wie es Lieb betont. „Abwerben findet nicht statt. Daran halten sich auch alle.“  
 

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