Mittwoch, 14.12.2022
Zukunftsmärkte
Wirtschaft

Maschinenbau – und er läuft doch

Es ist die gute Nachricht zum ausklingenden Jahr: Der Maschinenbau, Herzkammer der Wirtschaft des Landes, hat das Jahr 2022 gemeistert und allen Widrigkeiten zum Trotz noch ein Plus bei der Produktion erzielt. 2023 kann nach einer absehbaren Durststrecke nur besser werden.

Der Maschinenbau, hat das Jahr 2022 gemeistert und allen Widrigkeiten zum Trotz noch ein Plus bei der Produktion erzielt.

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„Wir sind auf unerwartet rauer See auf Kurs geblieben.“ Karl Haeusgen, Unternehmer aus München und Präsident des Verbands des Deutschen Maschinen- und Anlagenbaus (VDMA) greift zu einem für Bayern ungewohnt maritimen Bild, um die Lage seiner Branche zu beschreiben. Die Folgen des Krieges in der Ukraine, Lieferprobleme und zunehmend protektionistische Tendenzen hätten das Geschäft zwar belastet, doch am Ende werde man mit einem leichten Produktionsplus von einem Prozent das Jahr abschließen. Das gelingt, weil sich die heikle Versorgungslage mit Vorprodukten und Rohstoffen in den vergangenen Wochen etwas entspannt hat. Gleichwohl wird die aktuelle Rezession auch den Maschinen- und Anlagenbau noch aus dem Tritt bringen. Der Verband, der 3500 überwiegend mittelständische Unternehmen mit einer Million Beschäftigten vertritt, rechnet mit einem Minus von zwei Prozent bei der Produktion. „Das ist aber weit entfernt von den Rückschlägen früherer Jahre und zeigt die Robustheit unserer Industrie“, relativiert Haeusgen die negative Prognose.

 

Die Betriebe haben das inzwischen eingepreist. Tatsächlich blickt jedes zweite Unternehmen zuversichtlich in die Zukunft. Im Juni hatten noch 90 Prozent der Betriebe gemeldet, dass die hohen Energiekosten und gestörte Lieferketten ihr Geschäft beeinträchtigen. Jetzt ist der Wert auf 74 Prozent gefallen. Insgesamt gehen die Maschinenbauer mit „ungewöhnlich vollen“ Auftragsbüchern ins neue Jahr. Somit müssen sich die Beschäftigten der Branche wenig Sorgen um ihre berufliche Zukunft machen. Im Gegenteil. Nahezu jedes Unternehmen würde lieber heute als morgen mehr Leute einstellen. „Wir können insgesamt von einem Arbeitskräftemangel sprechen, der quer durch die Berufe geht“, betont Haeusgen. Der Arbeitsmarkt werde über Jahre leergesaugt. Derzeit sind in der Branche rund 14.000 Stellen unbesetzt.

 

Arbeitskräfte händeringend gesucht

Fehlende Arbeitskräfte sind nach Ansicht des VDMA-Präsidenten das Thema, das die meisten Sorgen bereitet. Bis Ende der Dekade müssen die Maschinen- und Anlagenbauer mehr als 100.000 Stellen neu besetzen, da immer mehr Mitarbeiter aus den geburtenstarken Jahrgängen in Rente gehen werden. „An einer Verlängerung der Wochen- und Lebensarbeitszeit führt deshalb kein Weg vorbei“, mahnt VDMA-Hauptgeschäftsführer Thilo Brodtmann. Der Verband begrüßt die Pläne der Bundesregierung, den Zuzug ausländischer Bewerber zu erleichtern. Allerdings müsse auch die Arbeit privater Vermittler in dem neuen Gesetz integriert werden, fordert Brodtmann: „Man kann es nicht dem Zufall überlassen, ob in der jeweiligen Botschaft auch ein Vertreter der Bundesagentur für Arbeit aktiv ist.“

 

Kritische Position zu China

Wesentlich kritischer ist die Einstellung des VDMA zu China. Dessen staatskapitalistische Modell habe einen unfairen Wettbewerb auf den lokalen wie auch auf den Exportmärkten zu Folge. „Einen Wandel durch Handel gibt es mit dieser Regierung nicht mehr. Das ist neu“, stellt Heusgen fest, der gleichwohl betont, dass die Branche auf diesen Handelspartner auch mittelfristig kaum verzichten könne. In diesem Jahr haben die Maschinenbauer gut 14 Milliarden Euro mit China umgesetzt. Das Land ist nach den USA der zweitwichtigste Markt. Für viele Unternehmen sei allerdings eine rote Linie überschritten, falls China in Taiwan einmarschiert. „Dann ist Schicht im Schacht“, stellt Haeusgen klar.

 

Der VDMA rät den Unternehmen sich nach anderen Märkten „jenseits von China“ wie Indien, Australien, Vietnam oder Malaysia umzusehen. Das könne die Bunderegierung unterstützen, indem Versicherungen für Exportkredite auch für kleinere Aufträge von staatlicher Seite gewährt würden, so Brodtmann. „Auch die EU kann hier helfen und Handelsabkommen mit dem lateinamerikanischen Mercosur, Afrika und anderen Ländern Asiens abschließen.“ Der Handel mit China sollte am besten mit Tochtergesellschaften erfolgen, die möglichst unabhängig vom Mutterhaus agieren. Also auch auf lokale Zulieferer zurückgreifen. Das mindere das Risiko, dass die Regierung plötzlich per Erlass die Aktivität untersagt.

 

EU soll sich an USA ein Beispiel nehmen

Hinsichtlich des amerikanischen „Inflation Reduction Acts“, der heimische Unternehmen bevorzugt, rät Haeusgen zur Gelassenheit. Die meisten Maschinenbauer seien nicht betroffen. Viele andere wichtige Branchen im Maschinen- und Anlagenbau - zum Beispiel Verpackungsmaschinen, Baumaschinen, Landtechnik oder Robotik - sind allenfalls indirekt betroffen und können von den erhöhten amerikanischen Investitionen sogar profitieren. Gleichwohl sei dies ein bedauerlicher weiterer Schritt der USA weg vom Freihandel, bemängelt Haeusgen. Seiner Ansicht nach sei dies für die EU ein Anlass, die eigenen nationalen Hemmnisse und bürokratischen Hürden abzubauen und so die Wettbewerbsfähigkeit der eigenen Unternehmen zu verbessern. 

 

Bürokratiemonster Lieferkettengesetz

Tatsächlich passiert nach Ansicht der Maschinenbauer derzeit genau das Gegenteil. Das EU-Lieferkettengesetz werde die Wettbewerbsfähigkeit vor allem mittelständischer Betriebe zusätzlich beinträchtigen. Die Unternehmen müssen, so will es künftig das Gesetz, beispielsweise nachweisen, dass auch bei ihren Lieferanten keine Kinderarbeit im Spiel ist, dass Arbeitszeiten eingehalten werden und Gewerkschaften Zugang zu den Betrieben haben.

So ein Ansinnen sei für Unternehmen wie Adidas mit großer Marktmacht sicher durchsetzbar. Wer aber auf der Schwäbischen Alb Spezialmaschinen baue und hunderte von Lieferenten habe, könne das nicht stemmen, so Haeusgen. „Die Auswirkungen sind also massiv und werden von vielen Unternehmen noch nicht erkannt“, warnt der VDMA-Präsident die eigene Branche und rügt die Politik. Sie verkenne die Wirkung ihrer Beschlüsse auf die Wettbewerbsfähigkeit, oder lasse sie sogar ganz außer Acht. „Am Ende ziehen sich die Unternehmen aus allen Ländern zurück, wo sie keinen Nachweis erstellen können. „Damit ist den Menschen vor Ort auch nicht geholfen“, so Haeusgen.

 

Eine große Chance für den Erhalt und Ausbau der Wettbewerbsfähigkeit der mittelständischen Industrie sowie der technologischen Souveränität in Deutschland und Europa sieht der VDMA im Ausbau der Digitalisierung. Hierbei könne das Projekt „Manufacturing-X“ eine entscheidende Rolle spielen. Hier soll ein Datenökosystem für die Industrie entstehen, in dem Unternehmen ihre Daten untereinander sicher teilen können, ohne diese abgeben zu müssen. „Für die Entwicklung von digitalen Geschäftsmodellen und für die europäische Datenökonomie ist das eine extrem wichtige Entwicklung“, betont Haeusgen, der davon ausgeht, dass „im Frühjahr die Initiative in eine konkrete Umsetzungsform kommt.“

 

Hausaufgaben für die Ampel

Passend zum einjährigen Bestehen der „Ampel“ haben die Maschinenbauer so manchen Punkt für das Berliner Hausaufgabenbuch. Sie erinnern daran, dass Deutschland in der Forschungsförderung immer noch anderen Ländern hinterherhinkt. Mehr Investitionen mahnt der Verband auch hinsichtlich Bildung und der Verkehrswege an. „Das gilt für die Schiene genauso wie für die Straßen“, so Haeusgen. Zudem solle die Ampel endlich den Abbau von bürokratischen Hürden angehen, statt den Unternehmen das Leben immer schwerer zu machen. So sei es beispielsweise immer komplizierter eine Genehmigung für einen Schwertransport zu bekommen. Und während man hier auch deswegen Jahre für den Bau eine Windkraftanlage brauche, sei dies beispielsweise in den USA in kurzer Zeit möglich

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