Donnerstag, 02.04.2020
Veränderungen im Mittelstand: Das Coronavirus könnte die digitale Transformation beschleunigen.

Foto: gopixa/ iStock/ Getty Images

Veränderungen im Mittelstand: Das Coronavirus könnte die digitale Transformation beschleunigen.

Technologie
Die Folgen der Corona-Krise

Coronavirus: Eine Chance für die Digitalisierung im Mittelstand

Kurzarbeit, Umsatzeinbrüche und Lieferschwierigkeiten: Die Lungenkrankheit Covid-19 stürzt viele Unternehmen derzeit in eine große Krise. Doch trotz aller schlimmen Auswirkungen könnte das Virus langfristig auch positive Folgen haben: ein Kommentar.

Ein kurzes Gedankenspiel: Im Januar 2020 hätte es in Ihrem Unternehmen eine Fortbildung zur Digitalisierung gegeben. Der Trainer – auf seiner Visitenkarte steht Digital Coach – hätte folgendes Szenario entwickelt: „Ein Virus breitet sich in ganz Deutschland schlagartig aus. Schulen, Geschäfte und Unternehmen werden über Wochen geschlossen. Was denken Sie, welche Vorteile ein digitaler Arbeitsplatz mit sich bringen würde?“ Jede Wette, alle im Raum hätten ungläubig geguckt: „Das ist ja komplett unrealistisch.“ „Schwachsinn!“ „Keine gute Didaktik!“ Und jetzt? Genau dieses Szenario ist da.

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Die neue digitale Arbeitswelt kam praktisch über Nacht. Keine Workshops mehr, keine Meetings mehr, nicht einmal mehr ein richtiger Arbeitsplatz. Millionen von Mitarbeitern erleben aktuell die digitale Transformation im High-Speed-Modus. Vorher waren für viele Begriffe wie Collaboration-Tools Fremdworte. Digitalisierung war ein theoretisches Konzept. Beratergeschwafel. Jetzt wurde es von einem Tag auf den anderen überlebensnotwendig. 

Von „Vielleicht irgendwann“ zu „Jetzt sofort“

Jens-Uwe Meyer ist Gründer und Geschäftsführer der Digitalagentur Innolytics.

Foto: Innolytics

Jens-Uwe Meyer ist Gründer und Geschäftsführer der Digitalagentur Innolytics.

Natürlich hat sich der Mittelstand bereits vorher mit solchen Konzepten auseinandergesetzt. Doch in vielen Unternehmen hatten Projekte zum Thema „Digital Workspace“ über Jahre hinweg den Status „interessant“ – ein Synonym für „vielleicht mal irgendwann“. Noch Ende 2019 waren laut der Bitkom-Studie „Digital Office im Mittelstand 2019“ „nur 19 % des Mittelstandes für eine umfassende Digitalisierung der Büroarbeit softwareseitig aufgestellt“.

 

Na klar, die restlichen 81 Prozent leben nicht in der Steinzeit. Es gibt dort E-Mail, Fax und Telefon. Und dennoch fühlt man sich beim Kontakt mit diesen Unternehmen schlagartig 25 Jahre zurückversetzt. In die Zeit, als Take That noch ganz weit oben in den Charts stand.

 

  • Das Kontaktformular auf der Homepage ist oft immer noch die einzige Möglichkeit, mit dem Unternehmen in Verbindung zu treten – außer natürlich Fax und Telefon.
  • Selbst der Brief als bevorzugtes Mittel der Kommunikation hielt sich lange hartnäckig. 

All das wird sich durch das Coronavirus verändern. Warum? Weil es einen Trend beschleunigt, den das Technologieberatungsunternehmen Gartner ohnehin für dieses Jahr angekündigt hatte: die Demokratisierung von Technologie. Die Prognose lautete: 2020 wird sich die Digitalisierung – gerade im Mittelstand – drastisch beschleunigen, weil Unternehmen großangelegte Schulungsprogramme durchführen. Digitales Wissen, das früher Spezialisten vorbehalten war, erreicht jetzt selbst die Fachabteilungen, für die die digitale Transformation bislang nur eine geringe Rolle spielte. 

Coronavirus: Mit Hochdruck zu digitalen Erfahrungen

Was wir gerade erleben, ist ein gigantisches Schulungsprogramm im Schnelldurchlauf. Bis Anfang März bestand gefühlt kaum die Notwendigkeit, sich schnell und effektiv in den Möglichkeiten der Digitalisierung fortzubilden. Wozu? Morgen ist auch noch Zeit. Und das Tagesgeschäft ist immer wichtiger. Und jetzt? Millionen von Arbeitnehmern im Mittelstand erleben in diesen Tagen die Vorzüge effektiver digitaler Tools, wie zum Beispiel Kollaborationssoftware, im Home-office.

Und das ganz ohne Training und ohne Workshops. Plötzlich geht das, was früher unmöglich war:

 

  • Kundenbestellungen werden über Whatsapp entgegengenommen.
  • Jahrelang gehegte und gepflegte papierbasierte Prozesse werden digitalisiert.
  • Neue Tools und neue Formen der Zusammenarbeit werden ausprobiert.

 

Der Druck kommt auch von den Kunden. Und zwar selbst von denen, die noch vor einem Monat sagten: „Ich brauche keine Onlinefiliale.“ Jetzt beschweren sie sich, wenn Unternehmen digital schlecht erreichbar sind.

Nach der Krise kommt die Chance

Rückblickend werden in Deutschland Tausende, wenn nicht Zehntausende mittelständische Unternehmen sagen: „Die Zeit, als der größte Teil unserer Mitarbeiter im Home-office war, hat uns einen großen Schritt vorangebracht.“

 

Kluge Unternehmen nutzen die Chance, die sich langfristig daraus ergibt. Mitarbeiter haben über Wochen hinweg die Vorzüge eines digitalen Arbeitsplatzes kennengelernt. Viele haben im Home-office zielorientiertes digitales Arbeiten verinnerlicht. Diese Chance gilt es für den Mittelstand zu nutzen. Für jedes Unternehmen, jede Abteilung und jedes Team.