Mittwoch, 14.12.2022
Zukunftsmärkte
Zukunftsregionen

Es lebe die Provinz

Zukunft wird in Metropolen gemacht. Die These stimmt noch, aber das Land überholt die Städte jetzt häufiger. Was solche Zukunftsregionen ausmacht.

Die Autobahn A31 kennen alle, die vom tiefen Westen aus zur Nordsee wollen. Über den sogenannten Friesenspieß preschen Autofahrer den Inseln entgegen. Mehr als ein „Schön hier“ mit Blick auf die weite Moorlandschaft links und rechts entfährt wenigen. Das könnte ein Fehler sein. „Im Gewerbegebiet kostet der Quadratmeter 14,50 Euro, unsere Lebensqualität ist hoch, und aus unserer Geschichte heraus pflegen wir eine Machermentalität“, wirbt Bürgermeister Helmut Wilkens (CDU) für die Samtgemeinde Lathen. Einst war sie das Armenhaus Deutschlands, inzwischen gehört sie zu den erfolgreichsten Wachstumsregionen Deutschlands.

Lathen mit seinen 12.000 Einwohnern liegt im Grünen, zwischen Papenburg und Meppen. Der kleine Ort zieht vor allem produzierendes Gewerbe, Handwerker und Dienstleister an. In den vergangenen fünf Jahren hat sich die Zahl der Beschäftigten um 17,5 Prozent erhöht, die Steuerkraft um rund 50 Prozent. „Einen Kampf um die niedrigste Gewerbesteuer mit den Nachbargemeinden führen wir nicht“, sagt Bürgermeister Wilkens. Der Hebesatz liegt bei 350 ­Prozent, der Bundesdurchschnitt 2021 bei
403 Prozent.

Boom im Nordwesten

Der Nordwesten ist inzwischen der heimliche, aufstrebende Star Deutschlands und gilt als Paradebeispiel dafür, dass sich auch ländliche Regionen abseits der Metropolen prächtig entwickeln können – wenn Politiker und Unternehmer vor Ort vieles richtig machen. Das belegt auch der „Zukunftsatlas“, den die Beratungsfirma Prognos alle drei Jahre herausbringt. Die Zahlen sprechen für das Emsland, das Münsterland und Ostwestfalen-Lippe: 17 von 20 Kreisen konnten ihren Rang von 2019 auf 2022 verbessern. In diesem „Nordwest-Cluster“ ist das Bruttoinlandsprodukt zwischen 2015 und 2020 mit 13,8 Prozent überdurchschnittlich gewachsen. Auch die Beschäftigung hat sich mit einem Zuwachs von fünf Prozent ­zwischen 2018 und 2021 deutlich positiver als im Bundestrend entwickelt, wo das Plus bei 2,8 ­Prozent lag.

Wer sich den Wust von Daten genau anschaut, erkennt, wie Deutschland gerade funktioniert. Und hier gibt es vier große Trends:


Trend 1: Die sieben größten Städte sind immer noch führend, aber sie leiden unter Wachstumsschmerzen. Großstädte haben strukturelle Vorteile, weil sie mit ihrer kritischen Masse Talente und Organisationen anziehen. Aber das Leben ist dort für die Menschen und Betriebe sehr teuer geworden. „Das Umland der Metropolen gewinnt, der Mittelstand weicht dorthin aus. Hier sind Flächen für Menschen und Betriebe noch vorhanden. Ein Beispiel dafür ist Köln: Die Stadt ist im Ranking leicht abgestiegen, die umliegende Rheinschiene hat gewonnen“, sagt Olaf Arndt, der bei Prognos den Bereich Region und Standort leitet. Das Umland der großen Städte gewinnt, weil immer mehr Menschen und Unternehmen dorthin ziehen – aufgrund der hohen Ausgaben.

Der Forscher und Berater erkennt aber auch, dass gewisse Berufsgruppen die Metropolen kaum verlassen. Gerade IT-Fachkräfte oder die Marketing- und Kommunikationscommunity „drängen in die Zentren“ und wollen da auch bleiben. Aber in Zeiten von Remote Work muss das für Unternehmen aus ländlichen Gebieten kein Ausschlusskriterium mehr sein, sofern sie flexibel sind. „Für den Mittelstand im ländlichen Raum wird wichtig sein, dass gewisse Qualifikationen in der Großstadt wohnen bleiben können“, sagt Arndt. Damit tun sich nicht alle Betriebe leicht, schließlich fußt die Kultur bei vielen Mittelständlern auf einer Nähe von Arbeit und Wohnen nebst sozialem Umfeld sowie hoher Loyalität zur Region.


Trend 2:
„Schwarmstädte“ bieten hohe Zukunftschancen. Das sind Regionen, die junge Menschen anziehen – in der Regel durch das Studium. Münster und Karlsruhe gehören dazu. Oder auch Ulm, wo man exemplarisch sieht, wie langfristig angelegte Strukturpolitik funktioniert: Als Anfang der 80er-Jahre die Industrie der Stadt ins Straucheln geriet, setzte der damalige baden-württembergische Ministerpräsident Lothar Späth (CDU) auf ein seinerzeit umstrittenes Projekt. Neben Uni, Klinikum und Technischer Hochschule entstand ein „Sciencepark“, der seitdem die Arbeit von Wissenschaft und Unternehmen verzahnt. Die Ulmer Wissenschaftsstadt besteht inzwischen aus drei solcher Parks, und es wird weiter rege gebaut. Die Region Donau-Iller mit Städten wie Ulm, Memmingen, Biberach und Günzburg hat in der Folge die größte Schubkraft in ganz Deutschland entwickelt.

Im Donautal kommt die Forschung der Wissenschaftsstadt zur Anwendung. Hier bauen Daimler Truck und Iveco Wasserstoffantriebe in ihre Lkw ein. Die Uni Ulm hat sich hier eine führende Position erarbeitet. Gleiches gilt für die Ergebnisse aus dem Biotech-Cluster, der Anfang der 2000er-Jahre entstanden ist. Nicht nur die Pharmakonzerne Teva (Rathiopharm) und Boehringer Ingelheim in Biberach profitieren davon. In Ulm und um Ulm herum haben sich zahlreiche Start-ups angesiedelt. Derzeit bildet sich ein neuer Schwerpunkt rund um die Quantentechnologie, die die Computer von morgen revolutionieren soll.

Dass die Infrastruktur vorhanden sein muss, wurde frühzeitig erkannt: Anfang Dezember nimmt die Schnellbahnstrecke Ulm–Stuttgart ihren Teilbetrieb auf. In zwei Jahren soll dann auch der Flughafen der Landeshauptstadt angeschlossen sein. Um die Immobilienpreise niedrig zu halten, hortet Ulm seit 1890 alle Grundstücke, die sie bekommen kann. „Baurecht gibt es nur, wenn die Stadt im Besitz aller Flächen eines Bebauungsplans ist. Erst dann wird Baurecht geschaffen“, erklärt Markus Mendler vom Liegenschaftsamt. „So wird der Spekulation ein großer Riegel vorgeschoben, und es ist nachhaltig und preisdämpfend.“

Die Preise für Bauland, aber auch für Mieten in der 126.000-Einwohner-Stadt steigen dadurch verhältnismäßig moderat. Wobei es immer schwerer werde, diesen Kurs zu halten, gibt Mendler zu. Gleichwohl schauen sich Unternehmen und Zugezogene auch in der weiteren Umgebung um. „Wir profitieren definitiv von der Region Ulm“, bestätigt Dieter Henle, Oberbürgermeister von Giengen. Die Heimat der Steiff-Kuscheltiere ist knapp 50 Kilometer entfernt. Zwischen den beiden Städten haben sich entlang der A7 etliche Logistikunternehmen niedergelassen, die neue Arbeitsplätze geschaffen haben.

Ein anderes Beispiel ist Erlangen, das es im „Zukunftsatlas“ ganz weit nach oben geschafft hat. Gemeinsam mit den benachbarten Städten Nürnberg, Forchheim und Fürth bildete sich eine kleine Metropole mit forschungsintensiven Branchen heraus – allen voran der Medizintechnik. Prognos hat für Erlangen ein Wirtschaftswachstum von 20 Prozent zwischen 2015 und 2020 errechnet. München kam „nur“ auf 13,4 Prozent. So ein Vergleich ist für Franken, die sich ja gern für bescheidener, aber nicht weniger leistungsfähig halten als die Metropole im Süden, mehr als reine Statistik. Und so nimmt man auch weitere Zahlen gern wörtlich: Das Bruttoinlandsprodukt je sozialversicherungspflichtig Beschäftigtem liegt bei üppigen 126.000 Euro, die Arbeitslosenquote bei nur 3,4 Prozent.

Doch was vor allem für Erlangen spricht, ist die Innovationsfreude: Je 100.000 Einwohner werden dort 1081 Patente angemeldet. Keine Region in Deutschland kommt hier auf einen höheren Wert. Ein Drittel der Beschäftigten sind Akademiker. Bei so viel Hirn geht allerdings die Investitionsquote in die Industrie verloren: Hier liegt Erlangen auf Rang 398, also fast ganz hinten. Fairerweise muss man sagen, dass Erlangen durch den weltweit größten Standort von Siemens stark profitiert: 23.000 Menschen arbeiten beim Technologiekonzern oder einer seiner hier beheimateten Töchter. Ein neuer Siemens-Campus ist in Bau, gefühlt entsteht da ein neuer Stadtteil.


Trend 3: Regionen in der Nähe von Großprojekten können profitieren. Die Tesla-Fabrik in Grünheide bei Berlin ist hier das bekannteste Beispiel. Im gesamten Berliner Umland entstehen so ganz neue Wertschöpfungsketten von der Batterieherstellung und bis hin zu ihrem Recycling. Und auch in der nahen Lausitz siedeln sich Fabriken an. Dazu gehören auch neue Wissenschaftsparks. Die Region hat laut Prognos-Experte Arndt zwei große Vorteile. Nach der Wende wurden viele Gewerbegebietsflächen ausgewiesen, die jetzt gebraucht werden. Und es gibt dort eine große Menge an grünem Strom, was für die CO2-Bilanz der Betriebe immer wichtiger wird.


Trend 4: „Mittelstand der Regionen“. Und hier sind wir wieder im Emsland, dem Hoffnungsträger, gerade weil die Voraussetzungen so schwierig waren: Hier gibt es weder Konzerne im Deutschen Aktienindex (Dax) noch Spitzen-Unis in der Nähe. Die größten Städte – Lingen, Meppen, Papenburg – sind klein. Im weiten Emsland wohnen gerade mal so viel Menschen wie im engen Wuppertal: rund 332.000. Als im 19. Jahrhundert die Schlote im Ruhrgebiet bereits rauchten, stachen die Emsländer immer noch Torf. Flüchtlinge aus dem Osten wurden zu neuen Arbeitskräften, die Geburtenrate im katholischen Emsland war hoch. 1950 verabschiedete der neue Bundestag den sogenannten Emslandplan. Straßen, Gewerbegebiete, Infrastruktur und die A31 wurden ausgebaut. Kommunen lockten mit einem niedrigen Gewerbesteuerhebesatz mittelständische Unternehmen an.

Heute werben die Gemeinden mit Energiesicherheit: Windkraft macht’s möglich. Bekannte Unternehmen wie der Landmaschinenproduzent Krone in Spelle und natürlich die Meyer Werft in Papenburg wuchsen. Sie ziehen Fachkräfte an und bilden aus. Ihre Strahlkraft reicht weit ins Land. Auch die Schnapshochburg Haselünne mit Berentzen, Heydt, Rosche ist längst nicht mehr nur für Apfelkorn bekannt. Die Bürgermeister halten es wie Kollege Wilkens in Lathen: „Ich bin mit fast jedem Betriebsleiter per Du“, erzählt er. „Und wenn wir neue Wohnplätze ausweisen, achten wir darauf, dass auch die zugezogenen Niederländer, Ruhrgebietler und Osteuropäer in die Dorfgemeinschaften integriert werden.“

Das Emsland, der größte Landkreis Niedersachsens, hat sich mit einem soliden Plan weiterentwickelt und wurde so auch für Fachkräfte interessant. „Hier wurden Infrastrukturen aufgebaut, inklusive Wissenschaft und Bildung, um mehr Innovation anzubieten“, sagt ­Prognos-Experte Arndt. Das Emsland hat zum Beispiel über Jahre hinweg das Handwerk gefördert, Ansiedlungen angenommen und auch Strukturen, „die sonst nicht sonderlich beliebt sind“. Atomkraftwerke zum Beispiel oder Urananreicherung. Die Qualifikation der Beschäftigten nahm stetig zu, die Lebensqualität auch, und irgendwann war die Region nicht mehr nur eine verlängerte Werkbank.

Mehr Lebensqualität

Eine Wachstumsregion ist in doppelter Hinsicht bezahlbar: Flächen und Steuern für die Betriebe, Kita und Leben für die Menschen – grundsätzlich profitieren im Kampf um Talente die Regionen, die „Kitaplätze gleich mitliefern“ können, wo gerade Familien auf Strukturen treffen, die ihnen eine hohe Lebensqualität zu vertretbaren Kosten ermöglichen. Neben schnellem Internet für die Logistik sind Zug, Autobahnanbindung und Flughafen wichtig. Und eine effektive Arbeitsweise der lokalen Behörden. „Mittelständische Unternehmen brauchen eine Baubehörde und Brandschutzbeauftragte, die mit der Wirtschaft sprechen“, sagt Prognos-Berater Arndt. „Ein erfolgreicher Standort bietet Geschwindigkeit.“ An Geschwindigkeit wird es entlang der A31 von Salzbergen im Süden bis nach Papenburg im Norden auch in Zukunft nicht scheitern. Dafür sorgt schon der Wettbewerb der Dörfer, Gemeinden und Städte untereinander. „Löppt“, sagt der Emsländer.

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