Donnerstag, 07.11.2019
Irgendwo da draußen: Viele Weltmarktführer in Deutschland haben ihren Standort irgendwo auf dem Land – und sind in der Öffentlichkeit weitgehend unbekannt.

Foto: Mathias_swede/iStock/Getty Images

Irgendwo da draußen: Viele Weltmarktführer in Deutschland haben ihren Standort irgendwo auf dem Land – und sind in der Öffentlichkeit weitgehend unbekannt.

Zukunftsmärkte
Unbekannt und erfolgreich

Hidden Champions: Viele Mittelständler sind Weltmarktführer in ihrer Nische

Etliche mittelständische Unternehmen in Deutschland sind Weltmarktführer – und doch in der Öffentlichkeit unbekannt. Diese „Hidden Champions“ haben einen großen Anteil am wirtschaftlichen Aufschwung – und geraten nicht nur durch den Fachkräftemangel unter besonderen Druck.

Wenn in Deutschland über den Mittelstand gesprochen wird, kommt die Rede meist schnell auf das Thema „Hidden Champions“. Das sind, kurz gesagt, die Unternehmen, die zwar Weltmarktführer sind, die aber keiner kennt. Viele von ihnen sind klassische Mittelständler: Industrie- oder Automobilzulieferer, irgendwo in der Provinz beheimatet mit höchstens ein paar Hundert Mitarbeitern.

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Aber was genau macht einen Hidden Champion eigentlich aus? Woher kommt der Begriff? Wieso gibt es gerade in Deutschland so viele Hidden Champions, und was bedeutet das für die hiesige Wirtschaft?

Definition: Was ist ein Hidden Champion?

Erdacht hat den Begriff „Hidden Champion“ der Wirtschaftsprofessor und Unternehmensberater Hermann Simon 1990 in einer Studie, in der er diese Unternehmen als „Speerspitze der deutschen Wirtschaft“ bezeichnete. Sechs Jahre später definierte noch einmal genauer, welche Unternehmen der Begriff umfasst – und zwar diejenigen, die in ihrer Branche zu den Top drei des Weltmarktes zählen oder auf Platz eins in ihrem Kontinentalmarkt, also etwa in Europa, liegen – Exportweltmeister, gewissermaßen. Zudem sind die meisten der Unternehmen, die Simon unter dem Begriff zusammenfasst, in der Öffentlichkeit nahezu unbekannt, inhabergeführt und nicht börsennotiert Der Umsatz liegt in der Regel unter drei Milliarden Euro.

Trotz (oder wegen) der relativen Ungenauigkeit des Begriffs – ist zum Beispiel der Schraubenhersteller Würth mit seinem zweistelligen Milliardenumsatz noch ein Hidden Champion? – legte die Bezeichnung eine steile Karriere hin. Medien starteten „Hidden Champion“-Serien, Preise an die „Besten Hidden Champions“ wurden verliehen, Städte und Regionen rühmten sich ihrer „Hidden Champions“. Und auch in der Wissenschaft wurden immer wieder Aufsätze und Bücher veröffentlicht. Dabei änderte sich die Definition im Detail immer mal wieder. Der Begriff scheint also so ähnlich zu sein wie das Wort „Mittelstand“: Unternehmen schmücken sich gern mit dem Prädikat, die Öffentlichkeit weiß so ungefähr, was gemeint ist. Eine klare Abgrenzung gibt es aber nicht.

Standort: Wieso gibt es in Baden-Württemberg und im Sauerland so viele Hidden Champions?

Auch im Ausland gibt es Hidden Champions: in Österreich zum Beispiel das Elektrotechnikunternehmen Omicron, in der Schweiz den Flugzeuginnenausstatter Lantal, in Frankreich den Bergsportartikelhersteller Petzl und im schafreichen Neuseeland den Weltmarktführer für Elektrozäune, Gallagher. Allerdings scheint Deutschland die Region zu sein, in der es besonders viele Nischen-Weltmarktführer gibt. Zumindest deuten mehrere wissenschaftliche Untersuchungen darauf hin.

Ein möglicher Grund dafür ist die traditionell mittelständisch geprägte Wirtschaft in Deutschland – mehr als 30 Millionen Menschen sind hierzulande in kleinen und mittelständischen Unternehmen (KMU) beschäftigt. Ein anderer sind die hiesigen Großunternehmen, die für einen stabilen Grundabsatz sorgen. Sie sorgen für klingende Kassen auch bei ihren Zulieferern, die häufig aus dem Mittelstand (und der Nische) kommen.

Unternehmen für Sicherheitstechnik will mehr als nur Hidden Champion sein

Weltmarktführer in Nischenmärkten profitieren nicht zuletzt vom Erfolg der Konzerne, deren Zulieferer sie sind. Durch ihr Nischendasein sind sie in der Öffentlichkeit allerdings häufig unbekannt. Das Biometrie-Unternehmen Dermalog kann ein Lied davon singen. [weiterlesen]

Wenig verwunderlich ist es daher, dass Baden-Württemberg zu den Bundesländern gehört, in denen besonders viele Hidden Champions zu Hause sind. Schließlich sind dort mit Daimler und Porsche gleich zwei Automobilunternehmen beheimatet sowie mit Bosch und ZF zwei der größten Zulieferer. Aber auch Unternehmen aus anderen Branchen sind erfolgreich.

Wie ein Bürstenhersteller regionale Vorteile nutzt

Mink Bürsten aus der Nähe von Stuttgart hatte noch 1975 kaum mehr als ein Dutzend Angestellte. Dann änderte das Unternehmen seine Strategie. Heute ist Mink Weltmarktführer für technische Bürsten und beschäftigt rund 460 Mitarbeiter. Auch der Standort ist ein Erfolgsfaktor. [weiterlesen]

Doch auch im Sauerland gibt es auffällig viele Hidden Champions. Die örtlichen IHKn sprechen von 166 Weltmarktführern, die sie in einer Broschüre aufgeführt haben. Dazu gehören neben größeren (und bekannteren) Unternehmen wie dem Schlosshersteller Abus auch der Weltmarktführer für Kunstharzpressholz, die Deutsche Holzveredelung Schmeing, die mit 110 Mitarbeitern rund 20 Millionen Euro im Jahr umsetzt. Die IHKn rechnen allerdings auch Unternehmen wie Bombardier mit ein, das zum einen mit knapp 40.000 Mitarbeitern und 8,5 Milliarden Euro Konzernumsatz nicht mehr wirklich „hidden“ ist und zum anderen seine Firmenzentrale im kanadischen Montreal hat. Immerhin ist das Werk im sauerländischen Netphen Weltmarktführer bei Drehgestellen für Schienenfahrzeuge.

Sauerländische Weltmarktführer trotzen dem Fachkräftemangel

Alles andere als strukturschwach: Das eher ländliche Südwestfalen ist die Heimat von besonders vielen Weltmarktführern. Die Unternehmen leiden zwar unter dem Fachkräftemangel. IHK-Präsident Andreas Rother ist sich aber sicher, dass die Probleme gelöst werden und die Region erfolgreich bleibt. [weiterlesen]

Aber warum sind einzelne Regionen so viel erfolgreicher als andere? Genau kann man das vermutlich nicht sagen. Fragt man die örtlichen Unternehmen und Experten nach dem Grund, bekommt man immer wieder ähnliche Antworten: Tüftlertum, inhabergeführte Unternehmen, langfristige Planung über Generationen – klassische mittelständische Tugenden eben.

Ein Standort in einer Boomregion hat aber nicht nur Vorteile. „Durch den hohen Wettbewerbsdruck und die steigenden Kundenanforderungen sind Innovationen fast schon selbstverständlich geworden“, sagt AMF-Geschäftsführer Johannes Maier zwar im Interview mit Markt und Mittelstand. Er fügt aber hinzu: „Die Suche nach Nachwuchskräften und ausgebildeten Fachkräften gestaltet sich für uns dadurch [die räumliche Nähe zu Daimler, Bosch und Co.] anspruchsvoller und zeitintensiver.“

Liste: Eine Auswahl besonderer Hidden Champions in Deutschland

  • Interstuhl ist mit einem Marktanteil von rund 15 Prozent in Deutschland und sechs Prozent in Europa zwar ein relevanter Player im Markt, aber nicht Weltmarktführer. Diesen Titel trägt allerdings das Tochterunternehmen Bimos bei Stühlen, die für Reinräume geeignet sind.
  • Ende 2017 übernahm der börsengelistete Mittelständler Paragon den größten Wettbewerber für Karosserie-Kinematik, HS Genion. Seitdem ist das Unternehmen nach eigenen Angaben Weltmarktführer im Bereich adaptive Fahrzeug-Aerodynamiksysteme.
  • Die Tradition von Orgelbau und Orgelmusik in Deutschland gehört seit 2017 zum UNESCO-Weltkulturerbe. Einer der erfolgreichsten Orgelbauer der Welt ist Philipp Klais mit dem nach seinem Urgroßvater benannten Unternehmen. Er verkauft Instrumente in die ganze Welt.
  • 1911 errichtete der Bauhaus-Pionier Walter Gropius in Alfeld eine neue Gewerbeimmobilie für das Unternehmen Fagus, das dort auch mehr als hundert Jahre später noch Schuhleisten herstellt. Weltmarktführer ist das heute Fagus Grecon genannte Unternehmen allerdings in einer ganz anderen Nische: Funkenlöschanlagen.
  • Philipp Murmann ist zwar heute nicht mehr – wie noch im Spätsommer 2017 – Bundestagsabgeordneter. Das von ihm geführte Unternehmen Zöllner ist allerdings noch immer Weltmarktführer bei akustischen Signalanlagen für die Schifffahrt – zumindest nach eigenen Angaben.
  • Auch der Odenwälder Kunststoffverarbeiter Koziol ist ein Hidden Champion: Er ist einer der drei größten Hersteller von Schneekugeln weltweit.
  • Das 1919 gegründete Unternehmen Elektro-Thermit gehört seit gut 15 Jahren zur Goldschmidt Thermit GmbH. Die Gruppe ist Weltmarktführer beim nahtlosen Verschweißen von Schienen.
  • Die Vulkan-Gruppe aus Herne gehört ebenfalls zu den Hidden Champions. Im Bereich Schiffskupplungen ist das Unternehmen Weltmarktführer, bei Industrieanwendungen will es das noch werden. Derzeit steht die Expansion in Afrika an.
  • GKD-Gebr. Kufferath entwickelt und produziert technische Metallgewebe für industrielle und Architekturanwendungen und ist auf diesem Gebiet Weltmarktführer. Produziert wird unter anderem in Südafrika.
  • Der Düsenhersteller Lechler hat es unter anderem durch eine gestaffelte Internationalisierungsstrategie geschafft, auf seinem Gebiet Hidden Champion zu werden.
  • Auch im Softwarebereich gibt es Hidden Champions aus Deutschland: Das Programm Teamviewer ist für den IT-Support in vielen Unternehmen kaum wegzudenken. Programmiert wird es von einem Softwarehaus in Göppingen.
  • Der Brauereizulieferer Kaspar Schulz wächst entgegen der Krise seiner Branche. Das liegt auch daran, dass er konsequent auf Internationalisierung und den Export seiner Produkte setzt – und ständig auf die sich ändernden Bedürfnisse seiner Kunden reagiert.
  • Bei der Firma Josef Wiegand geht es seit Jahrzehnten stetig bergab. Bei dem mittelständischen Hersteller von Rutschen und Sommerrodelbahnen ist das aber kein Grund zur Sorge. Innovationen testet der Chef Hendrik Wiegand oft selbst.

Statistik: Zahlen und Daten zu den Hidden Champions

  • Gut 1.300 Hidden Champions gibt es laut Hermann Simon in Deutschland. Das sind knapp die Hälfte aller unbekannten Weltmarktführer oder 16 Hidden Champions pro eine Million Einwohner. Der durchschnittliche Umsatz beträgt rund 325 Millionen Euro.
  • Auf 461 deutsche Hidden Champions kommt hingegen der St. Gallener BWL-Professor Christoph Müller – er wendet allerdings eine andere Definition an. So müssen bei ihm Weltmarktführer auf mindestens drei Kontinenten aktiv sein, die Hälfte des Umsatzes im Ausland generieren und in ihrem Segment den höchsten oder zweithöchsten Marktanteil aufweisen.
  • Laut einer Auswertung von Christian Rammer und Alfred Spielkamp für das Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung (ZWE), die auf mehr als 1.500 Hidden Champions kommt, ist knapp ein Viertel der entsprechenden Unternehmen im Maschinenbau tätig, jedes Zehnte im Bereich Elektronik. Gut 85 Prozent der Hidden Champions haben demnach 499 oder weniger Mitarbeiter, mehr als 60 Prozent sogar 249 oder weniger.

Verteilung der Hidden Champions nach Branchen (nur Industriebranchen)

Quelle: ZEW/Mannheimer Innovationspanel

Die Nachteile des Hidden-Champion-Daseins: Lieber visible als hidden?

Zwar kokettieren Unternehmen gern mit ihrem Dasein als Hidden Champion, und auch Kommunal- und Regionalpolitiker sowie Wirtschaftsförderer schmücken sich mit den „unbekannten“ Weltmarktführern vor der eigenen Haustür. Doch gerade der erste Teil des Begriffs bringt Probleme mit sich. Kurz gesagt: Ein Unternehmen, das niemand kennt, hat es in Zeiten des Fachkräftemangels schwer.

„Großunternehmen wie Bosch oder Daimler sind einfach bekannter als wir“, sagt zum Beispiel der Mittelständler Bernd Kußmaul im Gespräch mit „Markt und Mittelstand“ und fügt hinzu: „Wir können es uns nicht leisten, ein Hidden Champion zu sein. Wir müssen sichtbar sein.“ Viele Fachkräfte würden sich zuerst bei den Unternehmen bewerben, die sie ohnehin kennen. Kleine und unbekannte Mittelständler, die zudem oft abseits der großen und beliebten Städte sitzen, müssen sich daher etwas einfallen lassen, um neue Mitarbeiter anzulocken.

Ein anderes Problem hat die IT-Unternehmerlegende August-Wilhelm Scheer ausgemacht. Er sieht die Spezialisierung auf eine kleine Nische als zweischneidiges Schwert. Einerseits sei sie gerade für kleinere Unternehmen nötig, um auf dem Weltmarkt bestehen zu können, sagt er in einem „Markt und Mittelstand“-Interview. Andererseits gelte aber: „Je spezieller ihr Produkt oder ihre Dienstleistung ist, umso schmaler wird ihr Businessmodell.“

Der Klebstoffhersteller Delo konzentriert sich daher auf mehrere unterschiedliche Nischen. Bei leitendem Klebstoff für RFID-Chips ist das Unternehmen aus Windach in Oberbayern Weltmarktführer, daneben spielt die Unterhaltungselektronik aber ebenfalls eine große Rolle.

Dazu kommt: Erfolg weckt mitunter Neider. Und die können manchmal im eigenen Unternehmen sitzen.

Wie ein Hidden Champion einen internen Spion enttarnte

Die meisten Angriffe auf Unternehmensdaten kommen von außen? Gerd Meyer-Philippi, Geschäftsführer des Medizintechnikherstellers Compware Medical, hat das Gegenteil erlebt. Seine Spione arbeiteten im eigenen Unternehmen. [weiterlesen]

Durch hohe Investitionen in Forschung wird ein Klebstoffhersteller zum Weltmarktführer

Beim Hidden Champion Delo basiert der Erfolg unter anderem auf Investitionen in Innovationen und in die Internationalisierung. Um auf Dauer wirtschaftlich erfolgreich zu sein, besetzt das Unternehmen auch Nischen, in denen es (noch) kein Weltmarktführer ist. [weiterlesen

Der Artikel wurde am 4. März 2019 erstellt und zuletzt am 7. November 2019 aktualisiert.