Donnerstag, 12.05.2022
Zukunftsmärkte
Anlage Kolumne

Ist die Ukraine-Krise eine Kapitalmarkt-Krise?

Wir befinden uns nicht nur am Ende einer jahrzehntelangen Phase des Friedens in Europa, Nordamerika und Ostasien. Auch die historisch beispiellose 40-jährige Ära fallender Zinsen dürfte beendet sein.
Modellpanzer rollt über rubelschein

Die Inflationserwartungen weltweit steigen permanent an.

Russische Aktien haben seit dem Beginn des Aufmarsches der russischen Truppen im Herbst 2021 in Euro 87% eingebüßt, bis der Handel in Deutschland am 4. März 2022 eingestellt wurde. Das entspricht zufällig genau den Aktienkursverlusten der drei Verlierer des 2. Weltkrieges Deutschland, Japan und Italien am Ende des Jahres 1945. Der Aktienmarkt hat sein Urteil damit bereits gesprochen.

 

Aber was heißt das für Investoren, die nun zusätzlich mit dem Faktor einer steigenden Inflation konfrontiert werden?

 

Der kräftig gestiegene Ölpreis und die höheren Preise für andere Rohstoffe und Zulieferteile wie Chips haben die Erzeugerpreise in Deutschland um rekordhohe 30% steigen lassen. Die Konsumentenpreise folgen den Erzeugerpreisen, deren starker Anstieg den Inflationsschub von unter 0% im 2. Halbjahr 2020 auf aktuell 7,3% ausgelöst hat. Auch die Nahrungsmittelpreise werden von der Entwicklung der Energiekosten, wofür stellvertretend der Ölpreis steht, seit Jahrzehnten stark beeinflusst und sind zuletzt stark gestiegen.

 

Zusätzlich zu dem durch Ölpreis- und künftige Lohnsteigerungen verursachten Inflationsdruck wirkt auch die wachsende Staatsnachfrage nach Rüstungsgütern insbesondere in Europa. Auch die Unternehmen, deren Maschinen aufgrund der Investitionsschwäche ein rekordhohes Alter erreicht haben, müssen ihre Investitionsausgaben steigern. Dadurch wird aber nicht nur die Inflation, sondern auch die wirtschaftliche Nachfrage belebt.

 

Die Inflationserwartung am Kapitalmarkt beträgt in den USA für die nächsten 10 Jahre 2,9% p.a. Aufgrund der langfristigen Inflationsrisiken durch die geänderte weltpolitische Lage sowie die langfristig schrumpfende Zahl der weltweit verfügbaren Arbeitskräfte muss aber eher mit 3,5% p.a. gerechnet werden. In Europa kommt noch der erhöhte Investitionsbedarf für Aufrüstung und Energiewende hinzu, so dass die Inflationsrate europaweit zukünftig mindestens dem US-Wert entsprechen dürfte.

 

Was bedeutet dies für die Anleger?

  • Nachhaltig hohe Inflationsraten wirken positiv auf Gold und auf Wohnimmobilien, allerdings in beiden Fällen nicht sofort.

  • Bei Wohnimmobilien liegt die Ertragserwartung für die nächsten 10 Jahre im oberen einstelligen Bereich, solange die Realzinsen negativ bleiben.

  • Kurzfristig könnten die Wohnungspreise negativ auf den starken Anstieg der Hypothekenzinsen in den letzten Monaten reagieren.

  • Beim Goldpreis ergibt sich statistisch zwischen der Inflation und dem trendbereinigten Goldpreis der deutlichste Zusammenhang, wenn man die durchschnittliche Inflationsrate der letzten 7 Jahre heranzieht. Schon bei einer Inflationsrate von 3,5% p.a. in den nächsten 10 Jahren kann der Goldpreis also weiter deutlich ansteigen.

 

Insgesamt wird bei Inflationsraten, die langfristig deutlich über den Vergangenheitswerten liegen dürften, das Gold eindeutig profitieren. Bei Aktien und Wohnimmobilien ist entscheidend, ob die Zinsen in den nächsten 10 Jahren deutlich unter der Inflationsrate bleiben, was wir für das wahrscheinlichste Szenario halten. Private-Equity-Fonds werden sich in einer solchen Umgebung wie üblich deutlich besser als Aktien entwickeln, zumal die Kredite, mit denen die Fondsmanager arbeiten, günstig bleiben.

 

Solange die Inflationserwartungen der Kapitalanleger für die nächsten 10 Jahre mit 2,9% p.a. in den USA und 2,5% p.a. in der Eurozone unrealistisch niedrig bleiben, sollte man sich bei Anleihen auf die inflationsgeschützte Variante beschränken. Normale Anleihen werden mit Sicherheit real deutliche Verluste produzieren.

Autor

Reinhard Panse ist Chief Investment Officer und Mitgründer der FINVIA Family Office GmbH. Bis Februar 2020 war er Mitglied der Geschäftsführung und Chief Investment Officer für die im Eigentum der Familie Harald Quandt stehende HQ Trust GmbH. Von 2004 bis zum Eintritt in die HQ Trust GmbH im Jahre 2011 war Panse Chief Investment Officer des in der UBS Deutschland AG geschaffenen Geschäftsbereichs UBS Sauerborn. Ab 2001 war er Mitglied des Vorstands der Sauerborn Trust AG bzw. der Rechtsvorgänger. Begonnen hat Reinhard Panse mit der Übernahme von Kapitalmarkt- und Kundenbetreuungstätigkeiten bei der Feri GmbH im Jahre 1989, nachdem er eine eigene Vermögensverwaltung als Geschäftsführer gegründet und geführt hatte.

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