Mittwoch, 02.11.2022
Finanzierung
IG Metall

Metaller drücken aufs Tempo

Die Tarifverhandlungen in der Metall- und Elektroindustrie werden im Südwesten erstmals aus dem Mittelstand heraus gestaltet. Das ist ein Signal für das ganze Land, denn Baden-Württemberg dürfte wieder Pilotbezirk werden.

Bei Südwestmetall haben bei den Verhandlungen erstmals die Mittelständler das Sagen

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Mit ersten Warnstreiks tritt die diesjährige Tarifrunde in der Metall- und Elektroindustrie in die heiße und diesmal besonders brisante Phase. Denn beide Seiten laufen Gefahr, dass ihnen das Geschehen entgleitet, wenn sich die Verhandlungen ergebnislos hinziehen. Das ist allen am Verhandlungstisch auch bewusst. Darum will man aufs Tempo drücken, wobei die Positionen noch weit auseinander liegen. Bundesweit beschäftigt die Branche 3,5 Millionen Menschen, davon knapp ein Drittel im Südwesten. „Jede Woche Warnstreik schraubt die Erwartung nach oben“, erklärt Roman Zitzelsberger, Chef der IG Metall Baden-Württemberg. Kommt man sich bis Mitte November nicht näher, soll schnell die Urabstimmung für einen Arbeitskampf folgen, lautet die Drohung. Das hat auch taktische Gründe. In der Vorweihnachtszeit und zwischen den Jahren hätten Streiks eine geringere Durchschlagskraft.

Die Gewerkschaft weiß dabei sehr wohl, dass mit einem Arbeitskampf der Spielraum für kreative Lösungen erst recht kleiner wird und die Mitglieder auf  acht Prozent mehr Geld beharren werden. Das ist die höchste Forderung seit 2008. Zitzelsberger orientiert sich hingegen inzwischen gedanklich an den Abschlüssen in der Stahlindustrie und in der Chemie. Da wurden Erhöhungen zwischen sechs und sieben Prozent erzielt. Damit macht der Stuttgarter IG Metall-Chef den eigenen Reihen klar, dass ein Abschluss keinen Ausgleich der Inflation leisten kann. Die lag im Oktober bei 10,4 Prozent. Auch in der Frage der Laufzeit des Tarifvertrages – gefordert sind zwölf Monate – deutet Zitzelsberger Kompromissbereitschaft an.

 

Arbeitgeber setzen auf lange Laufzeit

Über das bisherige Angebot der Arbeitgeber will die IG Metall jedoch nicht verhandeln. Die haben vergangene Woche eine steuerfreie Sonderzahlung von 3000 Euro auf den Tisch gelegt. „Die bedeuten für die Beschäftigten in den unteren Entgeltgruppen ein Lohnplus, das mehr als zehn Prozent eines Jahresverdiensts entspricht. In der Entgeltgruppe 7 (Facharbeiter) entspricht das Nettoplus immer noch mehr als acht Prozent eines Jahresverdiensts“, rechnet der Arbeitgeberverband Südwestmetall vor. Allerdings peilt das Arbeitgeberlager eine Laufzeit von 30 Monaten an. „Denn frühestens 2024 kann wieder mit einem Wachstum gerechnet werden“, meint Stefan Wolf, Chef von Gesamtmetall in Berlin. Es fehle ein konkretes Angebot für eine dauerhafte Erhöhung, kommentiert der Bezirksleiter der IG Metall Küste, Daniel Friedrich. Außerdem seien 30 Monate eine „Rekordlaufzeit". „Das käme einer Lohnerhöhung von zwei Prozent gleich“, winkt auch sein Kollege Zitzelsberger in Stuttgart ab.

Bei Südwestmetall haben bei den Verhandlungen erstmals die Mittelständler das Sagen. Das ist eine Folge des 2018 erzielten Abschlusses, der vielen Unternehmen zu hoch war und beim Verband für Feuer unterm Dach gesorgt hatte. Viele Mittelständler haben offenbar mit Austritt gedroht, sollte es noch einmal ein Abschluss geben, der sich eher an der Ertragslage der gutverdienenden Autokonzerne und Maschinenbauer orientiert. Neu ist auch, dass nicht der seit Mai amtierende Südwestmetallchef, Joachim Schulz die Verhandlungen führt, sondern Harald Marquardt, Chef des gleichnamigen Autozulieferers aus Rietheim bei Tuttlingen. Offiziell kommentiert die IG Metall die ungewohnte Aufstellung der Gegenseite nicht. Bisher saß man mit den Tarifexperten beispielsweise von Bosch und Daimler am Tisch und der Chef von Südwestmetall war immer mit dabei. Dadurch seien auch sehr komplexe Tarifabschlüsse gelungen.

 

Große Unterschiede bei den Unternehmen

Die Mittelständler am Tisch werden hingegen verstärkt auf die sehr unterschiedliche Entwicklung in den Unternehmen beharren. Das macht die Tarifrunde nicht einfacher. „Zwischen Himmelhoch jauchzend und zu Tode betrübt ist alles dabei“; stellt Zitzelsberger fest. So haben zuletzt die Autobauer Mercedes und Porsche neue Spitzenerträge vermeldet und ihre Erwartungen nach oben korrigiert. Gleichzeitig schreiben selbst große Zulieferer rote Zahlen und kleinere Betriebe stehen vor der Existenzfrage. Ein Drittel der Unternehmen im Land gehe es schlecht. Das sei ein hoher Wert, räumt denn auch Zitzelsberger ein.

Gesamtmetallchef Wolf, gleichzeitig Chef des Autozulieferers Elring-Klinger im schwäbischen Dettingen, will deshalb ein Differenzierungsverfahren in den Tarifabschluss integrieren. Gemeint ist, dass die wirtschaftliche Lage der Betriebe dann entscheidet, welcher Teil der Einigung tatsächlich übernommen wird. Die Gewerkschaft will davon allerdings nichts wissen. „In der Pandemie sind wir mit den Möglichkeiten des Pforzheimer Abkommens gut gefahren“, betont Tarifexpertin Barbara Resch bei der IG Metall in Stuttgart. Die 2004 unterzeichnete Regelung sieht vor, dass Unternehmen von Tarifverträgen befristet abzuweichen können, wenn sie dadurch Arbeitsplätze sichern oder neue schaffen. Der Flächentarifvertrag bleibt jedoch der Standard, die Abweichung ist die Ausnahme.


Einige Betriebe schaffen bereits Fakten

Während die angeschlagenen Unternehmen mit Sorge die Tarifverhandlungen verfolgen, schaffen Betriebe mit besserem finanziellem Polster bereits Fakten. Zitzelsberger bestätigt denn auch, dass gutverdienende Firmen schon jetzt die steuerfreien 3000 Euro ausbezahlen und sogar versuchen mit Sonderprämien, Mitarbeiter zu halten oder neue anzulocken. Entsprechend ist der Druck der Topunternehmen auf die eigenen Verhandler. Kein Wunder also, dass trotz der noch großen Unterschiede auch aus dem Arbeitgeberlager zu hören ist, dass man möglichst schnell zum Ende kommen will. Dabei mehren sich die Anzeichen, dass Baden-Württemberg auch diesmal wieder zu dem Pilotbezirk wird, der am Ende den Tarifabschuss vom Eis bringt. Gerade in schwierigen Zeiten wurden hier in der Vergangenheit pragmatische Lösungen gefunden. Die sind in dieser komplexen Gemengelage auch nötig – gerade im Mittelstand.

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