Mittwoch, 19.10.2022
Technologie
Terror, Atomschlag, Sabotage

So gefährdet ist Deutschlands Infrastruktur

Explosionen an Pipelines, Sabotage bei der Bahn: Im Hinblick auf die Anfälligkeit unserer Systeme werden aus diffusen Gefahrenlagen derzeit reale Sorgen. Welche Befürchtung ist wie berechtigt? Wie gefährdet ist die Bevölkerung? Die Sicherheitsmaßnahmen im Check.

Wie gefährdet ist die Bevölkerung? Die Sicherheitsmaßnahmen im Check

Bild: Shutterstock

Die Infrastruktur ist gefährdet, seitdem es sie gibt: Naturkatastrophen und menschliches Versagen können seit jeher zu Ausfällen führen. Auch kriminelle Energie gibt es schon sehr lange. Im Laufe der Jahrhunderte kamen Terrorismus und gegen Ende des 19. Jahrhunderts Sabotage hinzu, als französische Arbeiter ihre Holzschuhe – sabots – in die Dreschmaschinen warfen. Seit dem Krieg in der Ukraine ist selbst staatliches Vorgehen eine sehr reale Gefahr geworden. Nach den Detonationen an den Gaspipelines Nord Stream 1 und 2 debattiert Deutschland, wie sicher es ist. Vor allem geht es um die kritische Infrastruktur. Sicherheitspolitiker sagen öffentlich, dass die Bedrohung gewachsen ist und weiter zunehmen könnte. Auch das Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik (BSI) sieht für Deutschland eine „erhöhte Bedrohungslage“ und rechnet damit, dass grundsätzlich alle Anlagen der kritischen Infrastruktur ein "potenzielles Ziel von Angriffen" sein können.

Innenministerin Nancy Faeser (SPD) warnte gestern vor einer „veränderten, hybriden Bedrohungslage“. Außenministerin Annalena Baerbock (Grüne) kündigte eine „stärkere und widerstandsfähigere Infrastruktur" an als Teil der Nationalen Sicherheitsstrategie an. Das ist auch nötig, hört man von der AG Kritis, der Arbeitsgruppe Kritische Infrastrukturen. Das ist eine Arbeitsgruppe von Fachleuten, die unabhängig die IT-Sicherheit und Widerstandsfähigkeit von kritischen Infrastrukturen überprüft. Ihr Urteil ist zwiegespalten: Deutschland steht im internationalen Vergleich nicht schlecht da, es könnte aber besser sein. Viele Vorkehrungen passieren zu langsam, höhere Sicherheitsstandards „wurden verschlafen“. Die sieben Bedrohungsfelder im Überblick:

Erstens: ein Atomschlag

Ein Einsatz von russischen Atomwaffen in der Ukraine würde auch Deutschland gefährden – und diese Befürchtung wuchs in den vergangenen Wochen seitdem Russlands Präsident Wladimir Putin damit gedroht hat. Bruno Kahl, Präsident des deutschen Auslandsgeheimdienst BND, sagte dazu am Montag bei einer öffentlichen Anhörung des Parlamentarischen Kontrollgremiums: "Wir sehen im Moment keine Vorbereitungen für den Einsatz strategischer oder taktischer Nuklearwaffen." Russland verfügt gemeinsam mit den USA über die meisten Nuklearsprengköpfe. Die Langstreckenwaffen waren schnell einsatzbereit, aber die sogenannten taktische Atomwaffen sind noch eingelagert, was für die Einschätzung des BND wichtig ist. Die Lagerstätten werden von Satelliten permanent überwacht. Zudem würden Russlands Truppen in der Ukraine allem Anschein nach nicht mit ABC-Ausstattung versorgt, was ein typisches Vorgehen wäre, wenn Russland einen atomaren Schlag planen würde. Die Abschreckung der Nato ist sehr hoch, ihre Gegenmaßnahmen würden Russland existenziell treffen.

Grund zur Entspannung sei die Lage laut BND-Präsident Kahl aber nicht: „Er ist bereit, jetzt militärische, wirtschaftliche und politische Kosten eines Angriffskriegs gegen die Ukraine in Kauf zu nehmen, da ihm im Falle des Nichthandelns die Kosten für Russland in der Zukunft deutlich höher erscheinen, die durch eine weitere Annäherung der Ukraine an den Westen und die Nato entstehen würden." Auch der Chef des Verfassungsschutzes, Thomas Haldenwang, sieht durch das Vorrücken der ukrainischen Armee eine höhere Eskalationsgefahr: „Es ist tatsächlich ein Wendepunkt eingetreten. Diese beispiellose Aggression dominiert als Gamechanger auf unbestimmte Zeit alle sicherheitsrelevanten Politikfelder.“

Zweitens: unter Wasser liegende Leitungen

 Egal ob Pipelines für Öl und Gas oder Kabel für Internet und Telefonie: Die Welt unter Wasser ist besonders schwierig zu schützen. Erstrecht wenn man wie Deutschland deutlich weniger U-Boote hat, als man dafür bräuchte – wie Experten der Bundesregierung zuletzt immer wieder vorrechneten. Auch die zig Tausenden Sensoren, die der Betreiber von Nord Stream eingebaut hatte, zeigten die Gefahr erst, als es zu spät war. Die Nato spielt Szenarien durch, wie russische U-Boote Unterseekabel zwischen den USA und Europa kappen, was einen erheblichen Teil der internationalen Internetkommunikation lahmlegen könnte. Erstaunlicherweise gehören Unterseekabel bislang nicht zu der Infrastruktur, die in der sogenannten Kritis-Verordnung der Bundesregierung besonders geschützt wird. Laut BSI sind für die Überwachung die Betreiber der Leitungswege zuständig. Oppositionspolitiker fordern die Regierung auf, hier aktiver zu werden.

Drittens: die Energie- und Wasserversorgung

Schon nach den Terroranschlägen vom 11. September 2001 wurde über das Gefährdungspotenzial der deutschen Energienetze diskutiert mit dem Ergebnis, dass ein Sabotageakt gegen das Stromnetz viele Menschen treffen würde und deshalb das größte Risiko darstellt. Und es gehört wenig Phantasie dazu, wie gefährdet das Konstrukt aus Überlandleitungen ist. Zweitens sind Raffinerien und Kraftwerke gefährdete Ziele. Drittens wird seit 20 Jahren über das Risiko diskutiert, was passiert, wenn ein Flugzeug in en Atomkraftwerk gesteuert werden sollte, so wie es bei den Terroranschlägen 2001 mit dem World Trade Center passiert war.

Der Bundesverband der Energie- und Wasserwirtschaft (BDEW) hält flächendeckende Ausfälle in der Energie- und Wasserversorgung zwar für "sehr unwahrscheinlich". Nichtsdestotrotz sei das Schadenspotenzial eines solchen Szenarios aber enorm und „könnte substanzielle Folgen nach sich ziehen“. Auch die AG Kritis hält das Stromnetz im Vergleich zu anderen Branchen für gut aufgestellt. Anders sieht es bei der Wasserversorgung aus. Penetrationstests hätten Lücken bei der Wasserwirtschaft gezeigt. Da die Branche aber vielen kleinen Anbietern besteht, sei die Gefährdung der Bevölkerung aber relativ gering.

Das Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe (BBK) bezeichnet die Energieinfrastruktur als „abstrakt gefährdet“. Denn die Gefahr ist nicht nur physischer Natur: Diffuser, aber nicht weniger relevant, sind Cyberangriffe auf Stromnetze. Hier ist en 100-prozentiger Schutz nicht gesichert. Besonders gefährdet ist derzeit das Gasnetz. Der Verein DVGW, zuständig für dessen Sicherheitsstandards, nimmt die Warnungen sehr ernst, fühlt sich mit Prävention und Schutz aber überfordert und bittet daher den Staat um Hilfe.

Viertens: Kommunikation und Cybersicherheit

Die schiere Zahl an Funkmasten an Land und die Tatsache, dass Unmengen an Kupfer- und Glasfaserkabel unterirdisch verlegt sind, macht einen physischen Angriff auf das Mobilfunknetz unwahrscheinlich. Abgesehen von der Anfälligkeit der Unterwasserkabel für Internet- und Telefonverbindungen gelten die deutschen Netze als überdurchschnittlich sicher. Einen 100-prozentigen Schutz kann es aber nicht geben. Im Fokus steht immer wieder der Deutsche Commercial Internet Exchange, kurz DE-CIX. Das ist der größte Internetknoten der Welt, der in Frankfurt am Main liegt. Doch selbst seine Zerstörung wären die Folgen überschaubar: In Teilen der EU und Deutschlands würde das Internet langsamer funktionieren, einige Inhalte wären wohl weg. Aber „das Internet“ sind eben 65.000 einzelne Netze. Diese Dezentralität senkt die Gefährdung. Die Bundesregierung bündelt ihre Maßnahmen in der Cybersicherheitsstrategie 2021 und hat dafür sämtliche Player ins Boot inklusive Wissenschaft und Wirtschaft. Zudem hat die Bundeswehr eine eigene Abteilung gegründet und rüstet personell auf.

Fünftens: Finanz- und Versicherungswesen

Der Finanzsektor ist seit langem Ziel von Cyberangriffen. Die Versorgung mit Bargeld, kartengestützte Bezahlungen, Online-Überweisungen, Wertpapierhandel und Versicherungsdienstleistungen gelten als Teil der besonders geschützten Infrastruktur und unterliegen engmaschigen Kontrollen. Der flächendeckende Ausfall von Geldautomaten könnte schnell zu Panik in der Bevölkerung führen. Die Daten, die bei Banken, Versichern und Co schlummern, sind hochsensibel und bieten Erpressungspotenzial, wenn sie in die falschen Hände geraten. Der weltweite Finanzsektor weiß um seine enorme Verantwortung und die Sensibilität seiner Daten. Durch Kriminalität wird er seit jeher auf die Probe gestellt. Die Bedrohung zum Beispiel durch russische Hacker könnte weiter zunehmen. Experten weisen darauf, dass nicht alle Banken mit der stetig wachsenden Vernetzung und Gefahr mithalten können und über ausreichende Sicherheitsstandards verfügen.

Sechstens: Transport und Verkehr

Der jüngste Sabotageangriff auf die Bahnanlagen in Herne und Berlin haben gezeigt, wie anfällig die Infrastruktur auch im Güterverkehr ist. Am 8. Oktober kam es zu stundenlangem Ausfall, weil Kabel entlang der Bahn-Anlagen durchtrennt wurden. Als Reaktion darauf kündigte Innenministerin Nancy Faeser an, den Schutz von Bahnhöfen und der Anlagen zu verbessern. So soll zum Beispiel die Zahl der Überwachungskamera auf 11.000 steigen. Solche Maßnahmen verbessern die Sicherheit und erschweren Sabotage – unmöglich sind sie dadurch bei weitem nicht.

Da eine flächendeckende Überwachung praktisch unmöglich, gilt es zu verhindern, dass einzelne Störungen gleich zu einem größeren Ausfall führen. Hier scheint die Bahn nicht perfekt zu funktionieren, da es genügt, zwei Kabel durchzutrennen.

Die Logistikbranche berichten von verstärkten Angriffen auf ihre IT-Systeme, allerdings stammen die eher von Kriminellen mit dem Ziel, Lösegeld zu erpressen. Auswirkungen auf die Bevölkerung seien eher nicht zu befürchten. Auch der Schiffsverkehr verkrafte einzelne Ausfälle gut. Der Schutz von Häfen und Flughäfen ist bei der Bundeswehr seit 9/11 ein größeres Thema und wird jetzt nochmal verstärkt. Aber auch hier gilt: Absolute Sicherheit kann es nicht geben.

Siebtens: Ernährung und Gesundheit

Die Versorgung der Bürger in Deutschland mit ausreichend Nahrungsmitteln steht genauso wie die Gesundheitsversorgung in sehr engem Zusammenhang mit der Sicherheit von Energie, Transport und dem Internet. Krankenhäuser sind sensible Gebilde. Hackerangriffe haben gezeigt, wie vergleichsweise leicht hier enorme Schäden auftreten können und die Sicherheit vieler Einrichtungen gilt nicht als optimal. Zudem brauchen Krankenhäuser Strom. Medikamente oder Organe müssen gekühlt werden auch auf dem Transport. In Deutschland gilt die Infrastruktur diesbezüglich als gut, aber wie oben gesehen ist sie nicht 100-prozentig sicherzustellen.

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